US-Senatoren möchten Bonn und Paris knebeln

Von Ulrich Schiller

Washington, im März

Mehrere Senatoren haben in der vergangenen Woche Außenminister Henry Kissinger aufgefordert, Frankreich und der Bundesrepublik kurzerhand den Lieferstrom von Uranbrennstoff für Kernkraftwerke abzuschneiden. Der demokratische Senator Ribikoff aus Connecticut richtete seinen Zorn gegen die deutschen und die französischen Exporte von Kernkraftwerken samt dem Transfer von nuklearer Technologie: Urananreicherungsanlagen und Wiederaufbereitungsanlagen für Brennelemente, bei denen Plutonium zur Herstellung von militärisch verwendbaren nuklearen Explosionsstoffen gewonnen werden könnte.

"Ist es nicht höchste Zeit", rief Ribikoff bei dem Hearing eines Senatsausschusses dem Außenminister zu, "daß wir uns über die Köpfe der Regierenden hinweg an das Volk von Frankreich und Westdeutschland wenden?" Weder eine Reise nach Bonn noch die deutschen Argumente zur Begründung des Lieferabkommens mit Brasilien konnten den Senator von seiner Meinung abbringen, daß die Bundesrepublik – und auch Frankreich wegen seines geplanten Geschäfts mit Pakistan – mit der Mentalität von Krämern die Gefahr einer weltweiten Katastrophe mißachteten. Ribikoff und andere Senatoren forderten die Regierung auf, zusammen mit der Sowjetregierung dafür zu sorgen, daß Frankreich und Deutschland keinen Reaktorbrennstoff mehr erhalten.

Kissinger gegen Komplizenschaft

Diese Empfehlung geht von der nicht ganz zutreffenden Annahme aus, daß die beiden Supermächte noch bis 1980 das Monopol über Reaktorbrennstoff besitzen. Man fühlt sich erinnert an das Wort des Bundeskanzlers Kiesinger von der "atomaren Komplizenschaft" der Supermächte, das er 1967 gegen den Atomsperrvertrag ins Feld führte.