Von Karl-Ludwig Müller

Sind wir so viel dümmer in Frankreich und in der Bundesrepublik im Vergleich zu Ländern wie Norwegen oder den Niederlanden?“ Diese provozierende Frage stellte der Friedenspreisträger des Deutschen Buchhandels Alfred Grosser bei der Jubiläumsfeier des Deutschen Akademischen Austauschdienstes im Oktober 1975. Er zielte ab auf die dürftigen Sprachkenntnisse der Deutschen und Franzosen und auf einen künftig anscheinend auf das Englische beschränkten Fremdsprachenunterricht. Höflich umschrieb Grosser die gegenwärtige Lage in den Schulen der Bundesrepublik: „Immer weniger Französisch, mehr Englisch und herzlich wenig andere Sprachen.“

Es sieht in der Tat erbärmlich aus mit den modernen Fremdsprachen an bundesdeutschen Schulen, auch im internationalen Vergleich. Viel weniger junge Menschen als in anderen Staaten kümmern sich hierzulande um fremde Sprachen. Im Schuljahr 1971/72 lernten nur 1000 Schüler die Weltsprache Spanisch – gegenüber 650 000 in Frankreich und 200 000 in England (1972/73). Für Portugiesisch und Italienisch gab es in der Bundesrepublik völlige Fehlanzeige, in Frankreich hatten sich dagegen mehr als 120 000, in Großbritannien rund 70 000 dafür entschieden. Dies ist symptomatisch für die Bundesrepublik. Wir unterhalten zwar intensive Wirtschaftsbeziehungen zu den hispano-amerikanischen Ländern, wissen aber zum Beispiel trotz der Millionen deutscher Spanienurlauber und trotz der Hunderttausende spanischer Gastarbeiter erschreckend wenig von den politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Realitäten dieses Landes.

Vorschnelle Fehlkalkulation

Und wie sieht es mit dem Französischen aus? Das ist ja nicht nur die Staatssprache des uns durch einen Freundschaftsvertrag verbundenen Nachbarlandes und unseres wichtigsten Handelspartners; es ist auch eine der offiziellen Landessprachen Belgiens, der Schweiz, Luxemburgs und Kanadas; und in weiten Teilen von Afrika und Asien ist es Verkehrs- und Verwaltungssprache. Weil die sprachliche Verständigung eine gegenseitige Annäherung und dauerhafte Freundschaft erleichtert und vertieft, hat der deutsch-französische Vertrag vom Januar 1963 die vertragschließenden Parteien – das sind für uns der Bund und die Länder – verpflichtet, jeweils dafür zu sorgen, daß die Kenntnis der deutschen und französischen Sprache verbreitet wird: „Die Regierungen... werden sich bemühen, konkrete Maßnahmen zu ergreifen, um die Zahl der deutschen Schüler, die Französisch lernen, und die der französischen, die Deutsch lernen, zu erhöhen.“

Es ist ernüchternd festzustellen, wie wenig dieses Versprechen in der Bundesrepublik bisher eingelöst wurde. Neun Jahre nach dem Vertrag lernten immerhin fast eine halbe Million französische Schüler Deutsch als erste Fremdsprache (1971/72) – aber nur 10 000 deutsche Schüler hatten sich mit erster Präferenz für Französisch entschieden. Und trotz einer im Vergleich zur Bundesrepublik geringeren Schülerzahl lernten in demselben Zeitraum insgesamt 250 000 mehr französische Schüler Deutsch als deutsche Schüler Französisch. In Frankreich (wie auch in England) hat die nächstwichtigste Fremdsprache Deutsch im Laufe der letzten zehn Jahre absolut und relativ gesehen beträchtlich aufgeholt. Bei uns dagegen ist der Anteil der Französisch lernenden Schüler gegenüber dem der Englisch lernenden ständig gesunken: 1971/72 lag im schulischen Fremdsprachenunterricht Englisch mit 4,2 Millionen Schülern weit vor dem Französischen mit 850 000. Der Rückgang der fremden Sprachen in unseren Schulen droht auch wegen vorgesehener bildungspolitischer Entscheidungen noch stärker zu werden.

Neben Englisch und Französisch haben andere moderne Sprachen bei unseren Kindern fast keine Chance. 1971/72 hatten sich gerade 12000 (gleich 0,2 Prozent) der Gesamtschülerzahl im Fremdsprachenunterricht für andere lebende europäische Sprachen entschieden – wahrlich eine quantité négligeable‚ wenn man berücksichtigt, daß es in Frankreich über 790 000 (14 Prozent) und selbst in England fast 440 000 (13 Prozent) waren. Es ist paradox: In englischen Schulen werden mehr als nur die zwei bedeutendsten Fremdsprachen gelernt, obwohl es die Engländer, die mit ihrer Muttersprache doch die erste Weltsprache besitzen, nach landläufiger Meinung eigentlich gar nicht nötig hätten.