IRING FETSCHER: Ich glaube, die Reaktion auf Ihr Gedicht hat, jedenfalls bis zum gewissen Grade, die Berechtigung einer solchen herausfordernden Darstellung der Verhältnisse in der Bundesrepublik gezeigt. Die Art und Weise, wie aggressiv auf diese Herausforderung geantwortet wurde, kommt daher, glaube ich, daß es eine Art selbstgefällige Selbstzufriedenheit mit der Demokratie in der Bundesrepublik gibt, von Leuten, die meinen, wir hätten absolut nichts mit der Nazi-Vergangenheit zu tun und seien schlechthin eine musterhafte, vorbildliche, perfekte Demokratie. Aber die Frage (ist), ob man es nicht durch Metaphern wie die von Ihnen gewählten, die zweifellos keine Beschreibung der Realität sind, sondern eine emphatische Übertreibung, eine dichterische Übertreibung, den Verteidigern der Verhältnisse zu leicht macht.

ALFRED ANDERSCH: Ich möchte Ihrer Grundthese widersprechen, nämlich, daß es sich um eine Übertreibung handele. Wenn man die Praxis der Berufsverbotspolitik kennt oder auch nur in einigen Beispielen erlebt hat, dann ist es so, daß dieses Gedicht Wirklichkeit schildert, und es übertreibt gar nicht.

JEAN AMERY: Das Gedicht hat mich zunächst begeistert, vor allem darum, weil ich froh war, daß Alfred Andersch sich nun wieder einmal politisch geäußert hat, und gerade zu dieser verhängnisvollen Sache des Berufsverbots, die bereits im Ausland in die Alltagssprache einging; man spricht in der Tat in Frankreich von „le berufsverbot“, so wie man von „la Weltanschauung“, „le hinterland“, „le blitzkrieg“ spricht. Das war meine erste Reaktion. Bei näherem Nachdenken nähere ich mich nun dem Standpunkt Herrn Fetschers etwas an, und da möchte ich Sie vor allem auf das Problem der Folter hin befragen. Sehe ich richtig, dann besteht kein quantitativer, sondern ein qualitativer, radikaler Unterschied zwischen Bedrängnissen, denen jemand ausgesetzt ist, der hier seiner Meinung wegen verfolgt wird, und der physischen Folter.

ANDERSCH: Das KZ und die Folter drückt sich auch bereits aus, wenn man Lehrerinnen, Juristen so verhört, wie sie augenblicklich in Deutschland verhört werden, und ihnen dann den Beruf nimmt.

FETSCHER: Besteht nicht die Gefahr, daß man zum Beispiel eine Assoziation wie am Ende des Gedichtes – „ein Geruch breitet sich aus, der Geruch einer Maschine, die Gas erzeugt“ (ich verstehe das als das Gas der Betäubung der kritischen Meinung) als Metapher nimmt und sagt: Das ist ja ein anderes Gas als das Gas der Verachtung, davon kann natürlich hier nicht die Rede sein, daß es hier um die physische Vernichtung von Menschen geht...

ANDERSCH: ... es geht immerhin um die Vernichtung von Existenzen...

FETSCHER: ... es geht um die Vernichtung von beamteten Existenzen, das ist auch noch ein bißchen was anderes als von Existenzen überhaupt ...