Eigentlich sollte an dieser Stelle ein Kommentar veröffentlicht werden, der sich mit den Problemen beschäftigt, die uns ein Aufschwung bescheren könnte – etwa mit der Frage, ob niedrige Lohnabschlüsse heute und steigende Unternehmensgewinne im Herbst zu sozialen Unruhen und wilden Streiks führen könnten. Die jüngsten Ereignisse haben ihn – wieder einmal überflüssig gemacht.

Wer erinnert sich nicht an den Dumme-Jungen-Streich, bei dem eine an einen dünnen Faden gebundene Geldbörse auf den Gehweg gelegt wird? Jedesmal wenn ein Erwachsener sich danach bückt, wird sie mit einem raschen Ruck ein Stück weiter gezogen. So ähnlich ist es auch mit dem wirtschaftlichen Aufschwung. Immer wenn er in den vergangenen Monaten in greifbarer Nähe zu sein schien, wurde er durch unerwartete Ereignisse wieder etwas weiter in die Zukunft gerückt.

Kaum meldeten die Marktforschungsinstitute, daß sich das Konsumklima in der Bundesrepublik gebessert hat, wird über eine erneute Zunahme der Spartätigkeit berichtet. Kaum registrieren die Fachleute im Wirtschaftsministerium, daß sich das Exportgeschäft wieder bessert, sorgen Unruhe an den Devisenmärkten und die Abwertung der Währung wichtiger Partnerländer wie Italien, Frankreich und England dafür, daß es wieder schwerer wird, deutsche Produkte im Ausland zu verkaufen (siehe Seite 18). Daß in den USA gleichzeitig wieder über protektionistische Maßnahmen im Außenhandel diskutiert wird, verbessert das Klima im Welthandel auch nicht gerade.

Wie sich die jüngsten Abwertungen auf längere Sicht auswirken, läßt sich heute noch nicht mit Gewißheit sagen. Mit Sicherheit wird der deutsche Export dadurch zunächst erschwert und die Wettbewerbsposition der britischen, französischen und italienischen Industrie verbessert. Aber das ist kein Grund, in lautes Wehklagen auszubrechen.

Der Markt hat schließlich nur einen Ausgleich dafür erzwungen, daß die Wirtschaft dieser Länder durch Inflation, Streiks und gestiegene Lohnkosten noch stärker belastet worden ist als die deutsche Exportindustrie. Und solange die ökonomische Entwicklung in den Partnerländern der Europäischen Gemeinschaft weiterhin so unterschiedlich verläuft wie bisher, wird jeder Versuch, die Währungen fester aneinander zu binden, mit einem neuen Eklat enden.

Der europäische Währungsblock, im Fachchinesisch auch „kleine Schlange“ genannt, ist auf der Illusion aufgebaut, daß die Mitglieder dieses Clubs eine gemeinsame oder doch koordinierte Wirtschaftspolitik treiben. Solange dies eine Illusion bleibt – mit anderen Worten: solange die Gewerkschaften in den Partnerländern nicht soviel Einsicht und Verantwortung zeigen wie die deutschen Arbeitnehmerorganisationen –, stiften feste Wechselkurse mehr Schaden als Nutzen.

Noch ist jedenfalls nicht erkennbar, wann und wie Frankreich und Großbritannien oder gar Italien einen Ausweg aus der wirtschaftlichen Krise finden. Denn die Voraussetzung wäre, daß sie zuvor ihre sozialen und politischen Probleme lösen. Das wäre nur durch eine Zusammenarbeit aller relevanten politischen Kräfte möglich. Dafür scheinen zur Zeit aber nur sehr geringe Chancen zu bestehen. Zwischen den sozialen Gruppen in diesen Ländern stehen die Zeichen eher auf Konfrontation als auf Kooperation.