Ein Ganove mit beachtlichem Sünden- und Strafregister wird zur Beobachtung in eine psychiatrische Klinik eingewiesen. Der clevere Simulant avanciert zum Helden der Männer einer geschlossenen Abteilung, provoziert sie zur Aufsässigkeit gegen das dumme, erniedrigende Anstaltsritual und riskiert den Clinch mit einer übermächtigen Oberschwester, die am Ende doch Sieger bleibt.

1962 erschien der Roman „Einer flog über das Kuckucksnest“ von Ken Kesey: ein Schlüsselwerk der amerikanischen Gegenkultur, ein Vorläufer von Charles Reichs drogenseligem Jugendkult-Gestammel „The Greening of America“, in penetranter Schwarzweißmanier und effektvollem Stil geschrieben, voll von hippiesker Trivialsymbolik und naiven Identifikationsmustern, von Anti-Intellektualismus und Misogynie.

Das Buch und der Film ersticken förmlich an ihren tieferen Bedeutungen. McMurphy kontra Schwester Ratched – das ist nicht nur der Kampf einer unbeschwerten Kraft- und Frohnatur gegen eine säuerliche, sanft-bigotte Hexe; da tritt vielmehr, wieder einmal, der einzelne gegen die Institutionen an; der letzte Individualist gegen das „System“; der Supermann und Erlöser gegen Macht, Zwang, Autorität und Administration; der Mensch „als solcher“ gegen die Regeln und Ausgeburten der modernen Industriegesellschaft; das Prinzip Lebensfreude, Spiel, Humor gegen den Terror der konservativen Psychiatrie; und schließlich, im Film stärker als im Roman, die vitale, heterosexuelle Potenz gegen Kastrationsängste und eine fast geschlechtslose Sterilität, der rebellische Sohn gegen die Herrschaft der Mütter. McMurphy ist der personifizierte Ersatzpenis dieser entwürdigten, quasi-entmannten Geisteskranken, die systematisch kindisch gehalten und mit Drogen, Musik oder sinnlosen Verordnungen zu stumpfer Resignation eingelullt werden.

Kein Regisseur war für diesen Katalog amerikanischer Obsessionen besser geeignet als der Exil-Tscheche Milos Forman. „Schwarzer Peter“, „Liebe einer Blondine“, „Feuerwehrball“, „Taking off“ und seine Episode im Münchner Olympia-Film: große Themen und „menschliche“ Belange als das, was Forman Komödie nennt, als genüßlich-schadenfroher Blick auf kleine Leute mit tumber Sprache und dumpfen Gefühlen, auf Spießer, Häßliche, unfreiwillig Komische und nun auf Kranke; „lustige“ Filme mit seltsam fließenden Übergängen von Komik, Ironie, Satire zu Voyeurismus, Hohn und Denunziation. Die Lacherfolge in „Kuckucksnest“ gehen durchweg auf Kosten der Geisteskranken.

Forman hat mit „Kuckucksnest“ ein perfektes Unterhaltungsprodukt hergestellt, einen Film wie am Reißbrett entworfen, eine krakeelende Show, die sich ständig zu neuen, turbulenten, überdrehten, grellen, lauten Höhepunkten hinauftrudelt und den Zuschauer keinen Augenblick aus den Klauen läßt. Ein Film für Teenager: jede Szene ein neuer Appell an jugendliche Solidarität gegen Eltern oder Lehrer, an Heldenbewunderung, an Schülerträume von gelungenen Streichen.

Und ein Film wie geschaffen für Jack Nicholson: Er grimassiert auf Teufel komm raus, macht jede Nuance zum Super-Gag und jede Szene zum Star-Auftritt, wuchert hemmungslos mit seinem Image, das zwischen Verschlagenheit, lauernder Brutalität und derber Kumpelgüte schillert (den rüden Charme seines modulationsreichen Timbres hat die deutsche Synchronisation erfolgreich übertönt). Ein Film der dauernden Gongs, Tuschs, Fanfaren: Seht her, wie toll wir sind!

Gedreht wurde in einer echten Anstalt, mit vielen echten Kranken. Drogen als bequeme Dauertherapie, Gruppenarbeit als Psychofolter, starre Regeln und Stundenpläne als Unterdrückungsmechanismus, der Elektroschock als ständige Drohung: Forman zeigt das alles zwar, aber dermaßen simplifiziert und emotionalisiert, auf niedrigstem Niveau und als Gag-Maschinerie abschnurrend, daß die Probleme nie bewußt werden, daß einem ein stinknormaler Gauner als plausible Alternative zu allen Heilmethoden von Freud bis Laing suggeriert wird, daß die Zuschauer, auf die Dramaturgie eines Boxkampfes konditioniert, johlen und klatschen, wenn McMurphy der Schwester endlich an die Gurgel geht.