In der vorigen Woche fand ein „Fall“ sein Ende: In der Literatursendung eines Dritten Fernsehprogramms diskutierten zwei Herren mit dem Autor über ein Gedicht. Gemessen an den Aufregungen, die ihr voraufgegangen waren, war die geruhsame Diskussion eine Anti-Klimax. Wer nur sie gesehen hat, wird sich fragen: Wo war er denn nun, der „Fall“?

Damit im heutigen deutschen Kulturleben ein Fall, eine Affäre, ein Skandal zustande kommt, braucht es offenbar dreierlei. Erstens natürlich einen Anlaß – aber der darf geringfügig sein, so winzig, daß er alle Chancen hätte, übersehen zu werden. Zweitens einen Inhalt, der zu heftigen Gefühlsentladungen verführt und jeden zwingt, Farbe zu bekennen. Drittens muß eine heikle Grundsatzfrage berührt sein, die schon lange schwelte, aber nun plötzlich offen aufflackern kann; in der Regel handelt es sich dabei um die Frage, ob eine öffentliche Institution etwas tun durfteoder nicht (ob ein Theater ein bestimmtes Programmheft machen, das Goethe-Institut eine bestimmte Veranstaltung subventionieren, ein Sender ein bestimmtes Programmausstrahlen dürfte).

Eine exemplarische Affäre dieser Art war der „Fall Staeck“. Da hingen in einer Londoner Ausstellung Ende 1974 einige längst bekannte polemische Plakate des Graphikers Klaus Staeck. Niemand hätte davon weiter Notiz genommen, wäre nicht zufällig der CSU-Abgeordnete Schulze-Vorberg in die Ausstellung geraten. An dem, was er dort sah, entzündeten sich seine Gefühle: vor allem an einem in Metzgerpose dargestellten Franz Josef Strauß; und die Figur Strauß ist in Deutschland schließlich mit höchst konträren Affekten besetzt. (Ob man so, wie Staeck es tat, mit Strauß umgehen dürfe, war denn auch der eigentliche emotionale Brennstoff des Falles.) Sogleich erhob sich denn auch die nötige Grundsatzfrage: Darf eine Anstalt wie das Goethe-Institut Zuschüsse zu einer Ausstellung zahlen, in der ein solches Plakat hängt? Als Außenminister Genscher sie. sinngemäß mit Nein beantwortete, war der Eklat da. Die nicht eben neue Frage, wie harmonisch das Deutschlandbild sein muß, das die auswärtige Kulturpolitik dem Ausland vorführt: hier stellte sie sich plötzlich ganz konkret. Eine zufällig entstandene Empörung hatte ein latentes Problem manifest gemacht, und die kulturelle Außenpolitik erbebte in ihren Grundfesten.

Affären dieser Art verraten eine Menge über das momentane kulturelle Klima. Während sie sich abspielen, ist ein nüchterner Überblick kaum möglich: Da jagen sich widersprüchliche Einzelnachrichten, da wühlen Kommentare und Gerüchte die Leidenschaften auf. Darum mag es instruktiv sein, den letzten „Fall“ dieser Art in seinem Hergang nachträglich zu rekonstruieren und dabei vornehmlich Dokumente sprechen zu lassen. Er heiße der Einfachheit halber: „Der Fall Andersch.“