"Hinein!" rief Herbert Wehner und komplimentierte Hans-Dietrich Genscher in den Fraktionssaal der SPD. Der Außenminister, der nach der Zustimmung des Bundesrats zu den Polenverträgen zusammen mit dem Kanzler bei den Genossen erschien, wurde mit betont herzlichem Beifall begrüßt. Das Klatschen wurde zum Gelächter, als Wehner ihn als den "Kollegen Walter Scheel" vorstellte. Der SPD-Fraktionsvorsitzende korrigierte seinen Irrtum sofort.

Hinter Wehner-Äußerungen geheimnisvolle Andeutungen zu vermuten, ist traditionelle Bonner Beschäftigung. Diesmal führte sie zu nichts. In Fragen des Protokolls macht Wehner keine Scherzchen; er hatte sich nur versprochen.

So verzichtete denn auch die FDP-Fraktion, als kurz darauf Helmut Schmidt bei den Liberalen erschien, auf eine entsprechende Anfrozzelung des Kanzlers. Sie feierten den SPD-Kanzler noch demonstrativer als dies dem FDP-Vizekanzler vorher bei den Sozialdemokraten widerfahren war.

In beiden Fraktionen hielt man die Verbreitung von Koalitions-Nestwärme für erforderlich. Kanzler und Vizekanzler überboten sich geradezu in Beweisen gegenseitiger Hoch- und Wertschätzung. In der SPD-Führung fiel nur der Bremer Bürgermeister Koschnik aus der Rolle. Er befand, zum Unwillen der Regierungsmannschaft beider Partner: "Ich gehe davon aus, daß die Bereitschaft der FDP, nochmal mit uns zu koalieren, nur für die nächste Legislaturperiode besteht und kaum für einen Tag länger."

Die dramatische Schlußrunde bei der Abstimmung über die Polenverträge ließ vergessen, daß in derselben Woche ein großes parlamentarisches Programm in Bonn ablief. Darauf stand zum Beispiel die Debatte über den Jahreswirtschaftsbericht 1976 – sonst in der Regel Anlaß zu hitzigen Diskussionen, diesmal, da die Konjunkturentwicklung günstig scheint, zu einem eher moderaten Meinungsaustausch.

Gestritten wurde im Bundestag dagegen über einige Gesetzesvorlagen, so über die Novelle zum Bundesbaugesetz. Die Leidenschaft freilich riß niemanden hin, denn der Entwurf (der Rest der Bodenrechtsreform) ist jahrelang durchgehechelt und verändert worden, und im Bundesrat wird er bald noch einmal verstümmelt werden.

Strittig war auch die Abstimmung über das Pressefusionsgesetz. Wieviel dieses von der Koalition gegen die Stimmen der Opposition verabschiedete Gesetz zur Erhaltung der Meinungsfreiheit beiträgt, ist fraglich. Mindestens zwei Drittel der 18 Fusionen des letzten Jahres hätten mit einiger Gewißheit nicht verboten werden können, weil es sich um sogenannte "Sanierungsfusionen" handelte.