Von Cornelia Jacobsen

Hier kann man leben!“ spricht der Tierarzt am Honoratiorenstammtisch im Gasthof „Unterwirt“ und macht eine bedeutungsschwere Pause. „Sie können das natürlich nicht mitbekommen fügt er mit einer Mischung aus Mitleid und Vorwurf hinzu.

In der Tat – ich werde kaum je Gelegenheit haben, den Zauber dieser Landschaft im oberbayerischen Rupertiwinkel zu allen Tages-, Nacht- und Jahreszeiten so eingehend kennenzulernen wie der Tierarzt aus Waging am See. Dennoch: Auch als Gast kann man durchaus einiges „mitbekommen“, und mehr will man als Urlauber ja nicht.

Da ist zunächst das Herzstück dieser sanftgewellten Voralpenlandschaft, nämlich der Waginger See – zwölf Kilometer lang, an seiner dicksten Stelle knapp drei Kilometer breit. Er hat eine Taille etwas oberhalb der Mitte, und von dieser Taille an aufwärts hat er einen anderen Namen, da heißt er „Tachinger See“, nach der zweitgrößten Gemeinde am Ufer. Er hat außerdem den Ruhm, Oberbayerns wärmster See zu sein, was daher rührt, daß sein Wasser nicht aus kalten Berg-, sondern aus warmen Moorbächen stammt. Glücklicherweise hindert ihn das nicht daran, im Winter sehr schnell zuzufrieren – er ist nicht sehr tief –, so daß es reichlich Gelegenheit zum Eislaufen und zum Eisstockschießen gibt.

Waging und Umgebung sind zwar nicht gerade das, was man sich landläufig unter einem „Winterkurort“ vorstellt, aber trotzdem – oder gerade deswegen – gibt es Leute, die ihren Schlitten dort bei „ihrem“ Bauern stehen lassen und jedes Jahr wiederkommen. Pisten für extrem gute Skiläufer gibt es nicht, dafür aber einige Hügel, an denen Anfänger ungeniert üben können. Es gibt Langlaufloipen für Skiwanderer, die durch ein Naturschutzgebiet führen, und für Großstadtkinder gibt es das sicher nicht alltägliche Vergnügen, Wild in freier Natur beobachten zu können.

Kinder? Ja, Kinder – ich glaube, daß vor allem jüngere Familien gern hierher kommen werden. Urlaubstrubel findet nicht statt (außer vielleicht im Sommer, direkt unten am See), es gibt eine ganze Reihe von Aktivitäten für „draußen“, ein High- oder Nightlife fällt aus, dementsprechend sind auch die Preise: zivil. Das Höchste, was man für eine Übernachtung mit Frühstück zahlen kann, ist 20,50 Mark (mit Bad oder Dusche), am billigsten ist es bei den siebzig umliegenden Bauern, die vermieten; da kosten Übernachtung und Frühstück (ohne Bad und Dusche) zwischen sechs und zehn Mark. Das Billigste in der Nachsaison, von Scharnow angeboten: eine Woche in einem Gasthof in der Nähe des Ortes, Grundpreis 66 Mark. Und das Essen? Menü acht Mark, Gulasch 6,80 Mark, Filetsteak neun Mark, habe ich mir notiert. Die Portionen sind reichlich bis unbezwingbar.

Der Ort Waging – zweitausend Einwohner im Ort selbst, fünftausend in der weitläufigeren Gemeinde – wurde 1385 zum Markt erhoben und war bis in unser Jahrhundert hinein von Bedeutung für die Umgebung. Im Autozeitalter ist das anders geworden, andere, größere Märkte sind nähergerückt. Industrie gibt es nicht, der Fremdenverkehr ist lebenswichtig. Die Bahnlinie Waging–Traunstein, zwölf Kilometer lang, steht auf der schwarzen Liste von Minister Gscheidle.