Ausgestattet mit dem Rüstzeug der Jurisprudenz, der Soziologie, Psychologie, der Politik- und Geschichtswissenschaften hat ein Forscher sich in jahrelanger Feinarbeit der Mühe unterzogen, die „Staats- und Ordnungspartei“ der Bayern wesentlich durchsichtiger zu machen. Der Assistenzprofessor Mintzel von der FU Berlin neigt zum Understatement, wenn er sich mit dem ersten Standardwerk über die CSU als politsoziologischer Anatom ausweist. Wohl ist er mit Präpariermesserchen an den Gegenstand seiner Untersuchungen herangegangen, um Bindegewebe, Muskeln, Gefäßsystem und Nervenbahnen freizulegen; aber er beschreibt in seiner „Verlaufsanalyse der Struktur- und Entwicklungsgeschichte“ eben weit mehr als einen anatomischen Status:

Alf Mintzel: „Die CSU. Anatomie einer konservativen Partei 1945–1972“; Westdeutscher Verlag, Opladen 1975; 776 S., 90,– DM. Er eröffnet dem Leser detaillierte Einblicke und Verständnismöglichkeiten in die Entstehungs-, Wachstums- und Wandlungsprozesse jenes politischen Organismus, den er einerseits als „moderne“ und anderseits als „konservative“ Partei apostrophiert.

Da aber „moderner Konservatismus“ als ein in sich widersprüchlicher Begriff empfunden werden könnte, kommt Mintzels Pilot-study eine nicht nur Bayern und Deutschland betreffende Allgemeinbedeutung zu. Immerhin bekennen sich Millionen junger Menschen, die gewiß Modernität für sich in Anspruch nehmen, zu überkommenen Wertvorstellungen und damit für gesellschaftliche Gewohnheitsrechte. Ob und wie solcher Art konservative Grundmuster mit zeitgemäßen oder gar zukunftsorientierten Verhalten vereinbar sind, mag man am bayerischen Beispiel ermessen.

In seiner Strukturanalyse kann und will der Verfasser lediglich den Nachweis erbringen, daß sich bei Anwendung moderner Betriebsmethoden unter einem rationalisierten und bürokratisierten Management die gebündelte Interessenpolitik einer Partei erfolgreich vertreten läßt, wenn sie nur in milieufreundlicher Verpackung – mit dem Qualitätssiegel „Heile Welt“ versehen – dem Stimmzettelverbraucher angeboten wird.

„Anpassung“ dürfte das Schlüsselwort für die Erfolgsgeschichte sein, zu der Mintzels nüchterne Forschungsarbeit über die ebenso schwerfällig wie zielsicher verlaufenen Form-, Gewichts- und Substanzveränderungen, der CSU schließlich geraten ist. Der lange Marsch der bayerischen Union von einer gewerblich-mittelständisch und agrarisch geprägten Honoratiorenpartei alten Stils zur „Massen- und Apparatpartei modernen Typs“ reflektiert in Mintzels akribischer Dokumentation den Strukturwandel und die gesellschaftlichen Umwälzungen im Räume Bayern. Der Autor weist zu Recht darauf hin, daß die Personalisierung politischer Vorgänge eher dazu beigetragen hat, den Blick auf die innere Entwicklung der CSU zu verstellen.

Wer heute von der Strauß-Partei spricht, charakterisiert damit treffend die adaptativopportunistische Grundhaltung, den technokratischen Führungsstil und die autoritären Tendenzen in der CSU; aber er übersieht allzu leicht, daß gerade diese Eigenarten der Partei in ihren Ursprüngen und Anlagen personell wie sachlich schon vorgezeichnet waren, bevor der Macher Strauß das Heft in die Hand nehmen konnte. Die CSU als spezifische Ausgeburt der für Bayern bestimmenden sozio-ökonomischen. Entwicklungsvorgänge vorzustellen – darin liegt das Neuartige des Werkes, dessen Materialfülle durch 150 Seiten Anmerkungen und Zitate demonstriert wird.

Die „Partei-Enzyklopädie“ reicht (in 14 Kapiteln) von der Gründerzeit 1945 bis in die 70er Jahre; personelle und landsmannschaftliche Konstellationen werden in einer Vielzahl Tabellen und Kartographien verdeutlicht, die „vor Ort“ gesammelt und mit Interpretationen versehen worden sind. Manche aus der tagespolitischen Polemik resultierenden Globalurteile werden dabei geradegerückt, ohne daß die Eigentümlichkeit des weiß-blauen Hintergrundes vertuscht wird. Das gilt etwa für das Kapitel der Finanzierung, in dem jenes Klischee zerstört wird, die heutige CSU sei ein vorwiegend von Industrie und Banken finanzierter Apparat.