Von Wolfram Runkel

In dem schicken Frankfurter Stadtbüro der prominenten westeuropäischen Fluggesellschaft erschien ein Herr und wünschte 20 Tickets „für einen Freundeskreis“ nach Fernost. Unter Hinweis auf die Rabatte und Vorteile, die ihm andere Fluggesellschaften gewährten, sagte er höflich, daß er bereit sei, die Hälfte des offiziellen (allein erlaubten) IATA-Flugpreises zu zahlen.

Und die honorige Fluggesellschaft? Sie sagte weder nein, noch warf sie ihn hinaus, noch gab sie lange Erklärungen ab. Sie verkaufte die Tickets zum halben Preis, schrieb aber aus Angst vor Kontrollen der IATA-Überwachungsoffiziere den offiziellen Preis auf die Tickets. Der Mann zahlte höflich. Nach ein paar Tagen kam er wieder, legte höflich die Tickets auf den Tisch, aus der Reise sei nichts geworden, und er möchte gerne das Geld zurück; den auf den Tickets angegebenen Preis (von dem er nur die Hälfte bezahlt hatte).

Und die honorige Fluggesellschaft? Protestierte sie? Sie zahlte – aus Angst vor weit höheren Strafen der IATA – den vollen Flugpreis.

Dieser Schildbürger- oder Till-Eulenspiegel-Streich (wie man’s nimmt) ist nur der skurrilste, keinesfalls der spektakulärste Fall von Ticket-Schiebereien auf dem großen, grauen, schwarzen Markt im Reisefieberland Bundesrepublik.

Nur etwa 60 Prozent aller Tickets (schätzen Experten) werden jetzt noch zum offiziellen IATA-Kurs oder zu dem – zwischen der Bundesregierung und der ausländischen Fluggesellschaft bei der Erteilung der Landerechte – verabredeten Tarif verkauft. „Bei Fernostflügen“, so stöhnt man im Bundesverkehrsministerium (BVM), das die Preise und Landerechte mit den internationalen Fluggesellschaften aushandelt, „ist es noch schlimmer.“ Und das sind nicht mickrige Zehntel-Rabatte: Jeder Mensch erhält etwa ein Linienticket (ein Jahr gültig) Frankfurt–Hongkong und zurück, das normalerweise bei der Lufthansa ab Frankfurt 4270 Mark kostet (und bei allen anderen Airlines kosten sollte), ohne Schwierigkeiten für Preise zwischen 1800 und 2000 Mark; er muß nur bestimmte Telephonnummern wählen.

Und was das BVM und die IATA besonders nervt, ist, daß diese Telephonnummern inzwischen öffentlich bekannt sind, daß die speziellen „Reisebüros“, von den einen als Schwarzhändler beschimpft, von den anderen als Preisbrecher gefeiert, zum Beispiel im „Stern“ und in der Informations-Rundbriefen für Manager veröffentlicht werden. Obwohl solche Verkäufe Straftaten im weiteren Sinne, nämlich mit Bußgeldern zu ahndende Ordnungswidrigkeiten, illegale Verstöße gegen internationale Verträge und natürlich auch eine Bedrohung für die nationale Fluglinie Lufthansa sind, sah das Bundesverkehrsministerium bis vor kurzem zwar mit Sorgen, aber beinahe bewegungslos, ja machtlos zu. Es fehlt an Personal und Geld. Fünf Männer in BVM, die kaum Zeit haben, selber Material zu sammeln, verwerten meist Tips und Unterlager., die „petzende“ Airlines und wütende Reisebüros schicken. Denn die offiziellen IATA-Reisebüros sind natürlich besonders betroffen durch den grauen Markt.