Wenn er das Podium betritt, mit schnellen Schritten, fast ein bißchen hastig, so als wolle er diesen Weg bald hinter sich haben, den Kopf mit dem etwas wuscheligen Haar und den Oberkörper ein wenig vornübergeneigt, mit den Armen leicht rudernd, so als müsse er sich durch etwas hindurchschieben; wenn er eine fast linkisch kurze Verbeugung vor dem Publikum macht, aber eine herzliche Geste an die Musiker, die da sagen könnten: „Kommt, laßt es uns mal versuchen“; wenn er schließlich noch einen Augenblick zögernd da oben steht – dann wirkt er wie ein großer Junge. „Ein Kind“, sagt der holländische Dirigent Edo de Waart, „bleibe ich immer, hoffentlich.“

Wenn er dann beginnt, mit sehr genauen, die Eins exakt und deutlich markierenden, meist recht kleinen, nie sehr weit ausholenden Schlägen in der rechten Hand, mit eher wie hingeworfen wirkenden Gesten in der linken; wenn man sieht, wie die Musiker plötzlich vorn auf die Stuhlkante rutschen, sich aufrichten und gespannt, mit sichtbarem Engagement ihren Part spielen, die Violinen etwa mit dem Strichansatz schon zu erkennen geben, wie intensiv sie bei der Sache sind; wenn man bei den ersten Akkorden die Präzision registriert, im ersten größeren Crescendo die Fülle und Schönheit des Klanges; wenn man schließlich sich erinnert an ein Konzert an der gleichen Stelle vor gut vier Jahren: „Het Philharmonisch Orkest Rotterdam“, ist nicht wiederzuerkennen, ist in die europäische Spitzenklasse vorgerückt. „Wir arbeiten wahnsinnig hart in den Proben“, sagt Edo de Waart, seit 1973 Chefdirigent des Orchesters.

Die Basis für den Aufstieg des Ensembles – wurde vor zehn Jahren gelegt, als Rotterdam das Kunst- und Kommunikationszentrum „De Doelen“ und darin einen exzellenten Konzertsaal bekam.. Unter dem Deutschen Franz Paul Decker baute sich das Orchester langsam ein Repertoire auf, verständlicherweise vor allem Deutsches, Brahms an der Spitze. Dann kam der Franzose Jean Fournet und brachte seine Vorlieben mit, Berlioz und Ravel. Schließlich, vor zweieinhalb Jahren, übernahm Edo de Waart die Leitung des Orchesters. Er verjüngte es ziemlich radikal; das Durchschnittsalter liegt jetzt bei gut 35 Jahren; unter den 110 Mitgliedern sind über dreißig Frauen, und während die Bläser ausnahmslos Holländer sind, stammen von den Streichern sechzig Prozent aus dem Ausland. Das Orchester spielt heute rund 120 „diensten“ pro Jahr, fünfzehn davon für die „Nederlandse Opera Stichting“, einige in Den Haag und Leiden, Groningen oder Eindhoven.

Aber 80 Konzerte finden im „eigenen Hause“ statt. Rotterdam zählt 750 000 Einwohner, mit den umliegenden Kleinstädten kommt man auf 1,3 Millionen; die 2400 Plätze des Doelen-Saales sind im Durchschnitt zu 94 Prozent besetzt, die Karten kosten bis zu 15 Mark; zum Budget schießen der Staat zweieinhalb Millionen, die Stadt fünf Millionen hinzu. Diese Fakten interessieren nicht nur statistisch. „Wir haben“, sagt Edc de Waart, „keine Tradition; aber wir haben auch keine schlechte.“ Und: „Die Leute hier haben noch Hunger auf Musik.“

Edo de Waart wurde 1941 in Amsterdam geboren. Er ist Sohn eines Choristen und daher mit Gesang aufgewachsen. Mit acht Jahren lernt er Klavier, mit dreizehn Oboe spielen, mit siebzehn bekommt er ein Staatsstipendium, mit einundzwanzig macht er das Examen. Der Dreizehnjährige hatte in seinem ersten Sinfoniekonzert „Till Eulenspiegel“ von Strauss gehört – und wollte prompt Dirigent werden. In der Schule gab der Musiklehrer einen „Dirigier“-Kurs, den undisziplinierten Edo de Waart, der dauernd dazwischenredete und ständig kritisierte, wellte er zunächst nicht dabeihaben. 1961 wagte sich der Zwanzigjährige am Konservatorium in eine Dirigentenklasse.

Der Umbruch ereignete sich fast beiläufig, 1964. Zunächst passierte es bei einem Sommerkurs von Radio Hilversum, daß Edo de Waart von dem Dirigenten Franco Ferrara lernte, was Melos ist: das Fließen einer Linie, und wie man es mit den Händen hervorholt; Unabhängigkeit von verschiedenen Stimmen; Flexibilität in der Gestaltung unterschiedlicher Rhythmen und Metren. Dann wollte de Waart beim New Yorker Mitropoulos-Wettbewerb wenigstens in die zweite Runde kommen und war plötzlich unter den Gewinnern, erhielt 3500 Dollar und für ein Jahr eine Assistentenstelle beim New York Philharmonie Orchestra.

1966 nahm er einen ähnlichen Posten beim Amsterdamer Concertgebouw an, assistierte bei Haitink und Jochum, Szell und Boulez, baute das „Niederländische Bläser-Ensemble“ auf und brachte es in vier Monaten Probezeit in Höchstform. Platten mit Mozart, Dvořák und Strauss bezeugen es. 1967 schließlich wechselte er nach Rotterdam über; nach und nach wurden es 35 eigene Konzerte pro Jahr, 1973 wurde er zum Chefdirigenten gewählt – vor wenigen Tagen übernahm er nun auch noch das Orchester von San Francisco, wo er schon mehrfach gastiert hatte. Edo de Waart hält das Karajan zugesprochene Wort für richtig: „Man braucht zehn Jahre, um ein Dirigent zu werden, und weitere zehn Jahre, um ein guter zu werden.“