Von Ulrich Kaiser

Der Vizepräsident des Deutschen Tennis-Bundes, Fritz Kuhlmann, der sonst eher als ein leiser Mensch angesehen wird, ereiferte sich in einer ihm sonst fremden Lautstärke: „Das hat mit Sport nichts mehr zu tun!“ Er bot indessen seine ganzen Überredungskünste auf, seinen Spitzenspieler Ulrich Pinner davon abzuhalten, den Platz zu verlassen. Und Hans-Jürgen Pohmann, ein recht abgebrühter Spezialist des Doppel-Spiels, attestierte nach zehnjähriger internationaler Praxis, daß er so etwas noch nicht erlebt habe. Die Rede ist von den Zwischenfällen, die sich vor knapp drei Wochen in Laibach zutrugen, als die bundesdeutsche Tennismannschaft in dieser neuen Europameisterschafts-Punktrunde (Königspokal) gegen Jugoslawiens Auswahl unterlag.

Mittlerweile ist dieser Wettbewerb zu Ende gegangen. Das deutsche Team schlug am letzten Spieltag Ungarn, das aber dennoch als erster Sieger dieser sich über zwei Monate hinziehenden Runde zu gelten hat. Pinner, Pohmann und Jürgen Faßbender belegten den dritten Rang hinter Großbritannien.

Die Tatsache, die den Tennis-Ästheten alter Schule den Magen umdrehte, lag allerdings nicht allein in Siegen oder Niederlagen begründet. Unterstützt von einer 100 000-Dollar-Summe des schwedischen Motorenkonzerns SAAB hatte man in Europa diesen neuartigen Wettbewerb ins Leben gerufen, der als Antwort auf amerikanische Initiativen gilt.

Während beim althergebrachten Davispokal mit seinem K.-o.-System Diskussionen nach zwei oder drei Tagen überholt werden, begab man sich auf die publikumswirksamere Ebene einer Punkterunde; Emotionen wie in Laibach, als jugoslawische Spieler ihre Zuschauer dazu aufforderten, Fehler der Gegner minutenlang zu applaudieren, dürfen nur als logische Folge angesehen werden. Außerdem ging es um Geld: Sieger Ungarn kassierte aus dem 100 000-Dollar-Topf 30 000 Dollar, Großbritannien 20 000 – Deutschland noch 15 000 Dollar. Da die deutschen Rackett-Künstler dazu für jeden Einsatz von ihrem Verband mit 1000 Dollar honoriert wurden, nahm jeder Spieler in den zwei Monaten knapp 50 000 Mark ein.

Null auf Null – so DTB-Schatzmeister Heinz Gass – ging die Angelegenheit für den Deutschen Tennis-Bund auf. Die Einnahmen von rund 20 000 Zuschauern in sieben Heimspielen gingen für Hallenkosten, Organisationsspesen und Reisen drauf. „Trotzdem war’s ein Erfolg. Wir standen in der Zeitung und hatten Publizität während dieser Monate, die sonst für unseren Sport tot sind!“

Diese Popularität ist den Tennis-Oberen aus den verschiedensten Gründen hierzulande inzwischen ein Anliegen. Das hat nichts mit einer verklemmten Profilneurose des Verbandes zu tun, sondern mit einem Tennis-Boom, den selbst Optimisten vor wenigen Jahren nicht erwarteten. 1970 führte der DTB 360 000 Mitglieder in seinen Listen, heute sind es gut 700 000. Die Zahl der Plätze hielt mit diesem Wachstum durchaus Schritt. Während in den Jahren 1973 und 1974 noch 54 beziehungsweise 55 registrierte Spieler einen Platz beanspruchen konnten, sank dieses Verhältnis 1975 auf 1 : 51. Da ja niemand allein ein Match mit sich selbst bestreiten kann, sind diese Ziffern ja noch einmal zu halbieren oder gar zu vierteilen. Nicht in diesem statistischen Material enthalten sind die sogenannten „freien“ Spieler, die sich – ohne einem Verein anzugehören – auf öffentlichen oder in der freien Wirtschaft entstandenen Anlagen ihrem Freizeitvergnügen hingeben.