Ägyptens endgültiger Bruch mit der Sowjetunion ändert nichts an der prekären Lage Präsident Sadats: Er muß um seine Zukunft kämpfen.

Mit Hilfe des ihm willfährigen Parlaments hat Ägyptens Staatschef Sadat zum Wochenbeginn vollzogen, was schon seit langem erwartet worden war: die Aufkündigung des sowjetisch-ägyptischen Freundschaftspaktes, im Mai 1971 für 15 Jahre geschlossen. Dieser Vertrag, so Sadat dieser Tage wieder, sei „nur ein Fetzen Papier“. Das jahrelange Zerwürfnis zwischen dem sowjetischen Lieferanten und dem ägyptischen Schuldner ist durch die jüngste Kairoer Entscheidung lediglich modifiziert worden. In der Politik war das einst überschwenglich gefeierte Verhältnis längst zu einem Unverhältnis geworden.

Knapp ein Jahr hatte der Freundschaftsbund gehalten, mit dem Moskau seine Position auf dem nahöstlichen Kampfplatz dauerhaft verankern wollte, da wies der Ägypter die rund 20 000 Mann starke sowjetische Expeditionsarmee abrupt außer Landes. Von da an verging kaum eine Woche, wo Kairoer Zeitungen und Politiker den Kreml nicht anprangerten: Keine oder zuwenig Waffen, keine oder die falschen Ersatzteile, keine oder nur mit unerträglichen Bedingungen verknüpfte Tilgung der inzwischen ins Uferlose gestiegenen Schulden. Und Moskau, verprellt ohnehin durch den mutigen Coup Sadats gegen den sowjethörigen Vizepremier Sabri (Mai 1971) hielt mit seiner Kritik auch nicht hinter dem Berg: Sadat verbünde sich mit den Imperialisten, biecere sich bei falschen Freunden im Wessen an, werde der „gemeinsamen arabischen Sache“ untreu.

Dennoch waren es die Sowjets, die 1973 dem Ägypter dazu verhalfen, daß er mit einer technisch hervorragend gedrillten, mit neuen Waffen ausgerüsteten Armee die Israelis vom Ostufer des Suezkanals verjagen konnte. Und trotz allen Zorns über die russische Liefepolitik und Rückzahlungspraxis versuchte Sadat von den Amerikanern Rüstungsmaterial und eine „ausgewogene Nahostpolitik“ mit der Warnung einzuhandeln er müßte sich andernfalls wieder mit den Sowjets arrangieren.

Während Moskau in Syrien und sogar im strikt antikommunistischen Libyen Ersatzpartner für seinen Nahostpoker fand, setzte Sadat immer stärker auf Kissingers Verhandlungsgeschick (zwei Sinai-Verträge) und auf die Geldquellen der arabischen Ölstaaten, vorai Saudi-Arabiens. Erst in den letzten Wochen versprach ihm Washington die Lieferung von Transportflugzeugen, lockerten seine arabischen Gönner am Persischen Golf einige Millionen Dollar zur Linderung der ärgsten wirtschaftlichen Nöte (Gesamtdefizit: rund 24 Milliarden Mark).

Der Kreml, so empfahl Sadat in einer Drei-Stunden-Rede die Kündigung der Freundschaft den 360 Abgeordneten seiner Staatspartei, habe mit Kairo stets nur „Katz und Maus“ gespielt. Aber der ägyptische Staatschef, der sich demnächst vermutlich für eine zweite Amtsperiode zur Wahl stellen wird, spielt derweil selber mit seiner politischen Zukunft: Vom ehemaligen Freund Ghaddafi, dem fanatischen Libyer, in Acht und Bann getan, vom syrischen Präsidenten Assad enttäuscht, vom jordanischen König Hussein verlassen, muß Sadat seine Hoffnung auf außenpolitische Erfolge im Nahoststreit und auf Fortschritte beim wirtschaftlichen Aufbau seines Landes fast völlig den Amerikanern, voran Kissinger, verpfänden. Und selbst dessen Stern als Friedensstifter funkelt nicht mehr so klar wie noch vor einem Jahr.

Dietrich Strothmann