Hörenswert

Joe Haider: „Reconciliation“. Das ist, als schlüge sich dieses Quintett seinen Weg durch die Territorien des Modern Jazz und der modernen Sensibilisten. Vielleicht ist aber der Titel der Platte, „Versöhnung“, ganz anders gemeint Es ist gleichgültig; die fünf exzellenten Musiker machen herzhaften und intelligenten Jazz, zu dessen Bestandteilen dies gehört: der kraftstrotzende, aber nicht brachiale Ton des Flügelhorns (Ack van Rooyen), der singende, mit packenden Passagen hervortretende Baß (Günter Lenz), das federnde, farbig sich ausdrückende Schlagzeug (Todd Canedy), das ruhig strahlende Saxophon (Andy Scherrer), das gern im Hintergrund agierende Klavier (Haider). Die musikalisch vibrierende Aufnahme ist auch technisch bemerkenswert; sie hat große Tiefenschärfe. (EGO Records 4001; 8 München 60, Landbergerstraße 509) Manfred Sack

Johnny Winter: „Captured Live!“ Eigentlich ein Verlegenheitsprodukt, das nur die populärsten Konzert-Nummern des texanischen Gitarristen zusammenfaßt. Aber die spielt er halt mit so genialischer Improvisationslust und ohne Rücksicht auf geschmackvolle Studio-Arrangements, daß sie die Ausnahme unter den vielen überflüssigen Konzertmitschnitten ist. Winter, der zu Beginn seiner Karriere uralte Blues-Standards als Eigenkompositionen ausgab, hatte tendenziell immer schon die Neigung, sein Publikum optimal zu unterhalten, als weiser Blues-Barde aufzutreten und die immergleichen Geschichten über verführerische Teenager, rastlose Rock ’n’ Roller und gebrochene Herzen zu virtuosem Gitarrenspiel zu erzählen. (Sky Records 69 230, 18,– Mark)

Franz Schöler

Johann Sebastian Bach: „Das Wohltemperierte Klavier I (Auszüge). Friedrich Gulda entdeckt Bach mit dem Verschiebungs-Pedal: Leiser, diskreter, intimer war er bisher kaum zu hören. Weg mit allem Präludien-Marcato, fort mit der pseudo-religiösen Fugen-Feierlichkeit Bach ist dabei nicht heiterer geworden, aber durchaus farbiger, nicht frischer, aber leuchtender, gewissermaßen restauriert mit gesäubertem und entstaubtem Lack. Und Gulda präsentiert Präzision in der Artikulation, so als wolle er die Exaktheit einer mechanischen Orgel oder des Cembalos auf das Klavier übertragen. Merkwürdig genug: die unerwartete Kombination von Tüll-Klang und minutiöser Anschlagskultur wirkt sehr überzeugend. (MPS/BASF 20 22624–7, 25,– DM)

Heinz Josef Herbort