Wem könnte es nützen, wenn der Chef geht?

Von Heinz-Günther Kemmer

Heinz P. Kemper, noch bis zur Hauptversammlung im August Aufsichtsratsvorsitzender der Veba AG, hielt die schützende Hand über seinen Zögling: Als sich der Veba-Vorstandsvorsitzende Rudolf v. Bennigsen-Foerder in der vergangenen Woche Presseattacken ausgesetzt sah, half Kemper sogleich mit einem Beschluß des Aufsichtsrats, in dem der Führung des Energie- und Ölkonzerns das uneingeschränkte Vertrauen ausgesprochen wurde.

So ungewöhnlich diese Erklärung war, so ungewöhnlich war auch die Reaktion des Veba-Vorstands. Statt sich im stillen Kämmerlein über die Rückenstärkung durch den Aufsichtsrat zu freuen, hängten die Herren die Vertrauenserklärung an die große Glocke und dokumentierten damit, daß es zwischen ihnen und Vertretern des Großaktionärs Bundesrepublik knistert.

Für Rudolf v. Bennigsen-Foerder, der 1971 Nachfolger Kempers wurde, kann das allerdings keine Überraschung sein. Er hat Spannungen zwischen dem Vorstand des privatwirtschaftlich geführten Unternehmens Veba und dem Bund, der vierzig Prozent des Veba-Kapitals besitzt, nie ausgeschlossen. Deshalb hielt er eine gesunde Ertragslage immer für den besten Schutz gegen Übergriffe des staatlichen Großaktionärs.

Mit eben dieser Ertragslage hapert es indes bei der Veba. Der Vorstandsvorsitzende selbst ist nicht müde geworden, immer wieder auf die katastrophalen Verluste im Ölgeschäft hinzuweisen. Jetzt zeigen sich die Konsequenzen für die Aktionäre: Sie werden für 1975 nur zwölf statt der gewohnten fünfzehn Prozent Dividende bekommen.

Selbst das ist noch ein kleines Wunder, schließt doch der Mineralölbereich der Veba mit einem Verlust von 460 Millionen Mark ab. Außerordentliche Erträge und die Gewinne in anderen Konzernsparten haben Schlimmeres bei der Dividende verhindert. Das volle Ausmaß des Ertragrückgangs wird jedoch deutlich, wenn man ihn nach der Formel der „Deutschen Vereinigung für Finanzanalyse und Anlageberatung“ ermittelt: Das Jahr 1975 brachte dem umsatzstärksten deutschen Konzern nur 4,30 Mark Gewinn je Aktie gegenüber 13,50 Mark im Vorjahr.