Von Carl-Christian Kaiser

Bonn, im März

Trotz des allgemeinen Getümmels bildete sich um das Trio so etwas wie ein Bannkreis. Das einstimmige „ja“ des Bundesrats zu den Polen-Verträgen war gerade erst registriert, die Sitzung noch nicht ganz geschlossen, da strebte Hans-Dietrich Genscher schon auf Ernst Albrecht und Walther Leisler Kiep zu. Lange schütelten sie sich die Hand: drei Liberale unter sich.

Minuten später, als alle aus dem Plenarsaal der Ländervertretung hinaustrudelten, bildeten sich um den Außenminister und Helmut Kohl zwei Knäuel. Glückwünsche ohne Zahl schwirrten ihnen zu, Reportermikrophone wurden hochgereckt. Helmut Schmidt hingegen bahnte sich seitwärts einen Weg durch die Menge: „Laßt einen alten Mann mal durch.“ Nach tage- und nächtelangem Poker zwei Szenen, die zum Symbol gerieten? Drückten sich da die künftigen Koalitionspartner die Hand? Und war der Kanzler bereits in den Hintergrund geraten? Manche setzten diesen 12. März zu jenem Tag im Jahre 1969 in Vergleich, an dem sich die Freien Demokraten für Gustav Heinemann als Bundespräsidenten entschieden und damit die sozial-liberale Ära eingeläutet hatten. Wurde nun wieder ein Stück Machtwechsel vorweggenommen?

Diese Frage bleibt einstweilen offen. Aber wie groß und gerechtfertigt auch immer die koalitionspolitischen Hoffnungen Ernst Albrechts und Walther Leisler Kieps sein mögen – daß Hans-Dietrich Genscher zuallererst auf sie zuschritt, war nur natürlich. Denn auf den neuen niedersächsischen Regierungschef, der sich seinen Finanzminister zur Erweiterung des Brückenkopfs am freidemokratischen Ufer geholt hat, war alles angekommen, und tatsächlich war die entscheidende Wende auch von ihm ausgegangen.

Startschuß für den Endspurt

Am Donnerstag letzter Woche, 24 Stunden vor dem Bundesratsvotum, hatte kaum jemand noch einen Pfifferling für die Verträge geben wollen. Ein neues Treffen zwischen dem Kanzler, dem Außenminister und den Schlüsselpolitikern der Opposition war offenbar ohne greifbares Ergebnis geblieben. Die Ruhe, die an der Polenfront zu herrschen schien, wurde um so quälender, je weiter die Uhrzeiger vorrückten. Indes, gerade in jener Zusammenkunft wurde der Punkt des Umschlags sichtbar – wenn auch zunächst nur im Negativ. Ernst Albrecht machte deutlich, daß er den Vereinbarungen die niedersächsischen Stimmen nicht zu leihen vermöge, sofern in der Interpretation der polnischen Zusatzerklärung zum Vertragswerk beim Passus über die Ausreise weiterer Deutscher die Vokabel „können“ stehen bleibe. Aber in eben dieser Formulierung des Hannoveraners war sein „ja – wenn“ unüberhörbar.