Von Ruth Herrmann

Ein Dieb ist, wer eine fremde bewegliche Sache einem anderen in der Absicht wegnimmt, dieselbe sich rechtswidrig zuzueignen.“ So steht es im Strafgesetzbuch.

Nie zuvor haben solche Mengen fremder beweglicher Sachen zum Zugriff aufgefordert wie heute, nie waren Gelegenheit und Versuchung, sie sich rechtswidrig zuzueignen so groß. Dem trickreich ausgetüftelten Greif-zu-Appell von Werbung und Warenpräsentation folgen Käufer wie Klauer. Waren im Wert von zweieinhalb Milliarden Mark werden jährlich im bundesdeutschen Einzelhandel gestohlen. Allgemeine Diebstähle nahmen zwischen 1963 und 1974 um einundzwanzig Prozent zu, Ladendiebstähle um 335,2 Prozent.

Wer sein Auto nicht verschließt, bekommt, wenn daraus etwas gestohlen wird, von seiner Versicherung die Quittung für Mitverschulden. Ein Soldat, der seinen Spind nicht abgeschlossen hat, macht sich der „Verleitung zum Kameradendiebstahl“ schuldig. Vergleichbares gibt es für Geschäfte mit Selbstbedienung nicht, wo Versuchung bewußte Methode ist, wo der potentielle Ladendieb in die Situation eines Hundes gebracht wird, dem man eine Wurst vor die Nase legt und von ihm erwartet, daß er schnuppert, aber nicht zuschnappt.

Wäre schwerer an die Ware heranzukommen, dann würde weniger gestohlen – daran zweifelt niemand. Die Bundesarbeitsgemeinschaft der Mittel- und Großbetriebe e. V. hat umfangreiche Untersuchungen und Statistiken über den Ladendiebstahl veröffentlicht. Zum Vorwurf, die Art des Anbietens fördere ihn, schreibt Peter Gießler von der Rechtsabteilung: „Die Abschaffung oder wesentliche Veränderung der modernen Warenpräsentation ... lediglich aus Rücksichtnahme auf labile Besucher, würde von der breiten Öffentlichkeit nicht verstanden ... Zu einer Einschränkung der Konsumwahl darf es nicht kommen, weil diese Freiheit von einigen auf Kosten aller mißbraucht wird. Damit im Zusammenhang steht gleichzeitig, daß sich der im Wettbewerb stehende Einzelhändler dem Zwang zur Attraktivität des Warenangebots nicht entziehen kann.“

Im Klartext heißt das: Wo das Klauen schwerer wäre, würde weniger verkauft. Der zahlende Kunde soll ja durch die Art, wie ihm die Ware hingelegt wird, zum schnellen Zupacken verführt werden. Die wirtschaftliche Überlegung ist verständlich, in diesem Zusammenhang von Rücksicht auf der Kunden Freiheit zu sprechen, aber Heuchelei. Lädendiebstahl leicht gemacht, ist etwas, das aus klaren Gewinn- und Verlustüberlegungen in Kauf genommen wird.

Wen der jährliche Eine-Milliarden-Schaden trifft, geht auch aus Mitteilungen der Bundesarbeitsgemeinschaft hervor: „Der Ladendiebstahl geht entweder zu Lasten des Gewinns und damit wegen der gewinnabhängigen Steuern wesentlich zu Lasten des Staates, also der Steuerzahler, oder er wird in den Preis einkalkuliert und von der Allgemeinheit der Verbraucher bezahlt.“