Über den Libanon, das gebeutelte, gepeinigte Ländchen zwischen Amboß und Hammer, müßte eine Strichliste geführt werden. Anders läßt sich das Chaos, das zu einem Dauerzustand geworden ist, nicht einmal in seinen Umrissen beschreiben. Wie viele Bürgerkriege, Feuerpausen? Wie viele Tote, Verwundete? Wie hoch sind die materiellen Schäden? Wer kämpft gegen wen um was? Wer versucht mit welchen Mitteln und Erfolgen zu wessen Nutzen Waffenstillstände durchzusetzen? Davon, daß aus einem Burgfrieden einmal auch ein Bürgerfriede werden könnte, wagt niemand mehr zu sprechen.

Die jüngste, vorerst letzte Phase des Kampfes aller gegen alle im Libanon bezeugt das. Das vorletzte Gemetzel hatten die Syrer, sonst die Partner der libanesischen Linken, durch ihre Vermittlung beigelegt – mit dem einkalkulierten Ergebnis, über Beirut wie ein Prokurator herrschen zu können. Nun aber begehren gerade Gruppen der Palästinenser und des sozialistischen Lagers gegen Damaskus auf.

Noch in allen Konflikten hatte sich die schwache Armee abseits gehalten. Jetzt aber will sie, gespalten in drei Fraktionen, die sich untereinander befehden, den Staatspräsidenten stürzen, selbst mit Waffengewalt. Das wiederum hat führende Politiker der Linken veranlaßt, dem sonst gehaßten Repräsentanten der Rechten, der sich in seiner Residenz verschanzt hat, ihre Solidarität zu bekunden.

War vorher nicht zu verstehen, mit welcher Mordlust sich die Libanesen gegenseitig umbrachten, ihr Land mutwillig zu vernichten drohten, so ist diesmal kaum zu begreifen, wie schnell aus den Feinden von gestern Freunde werden konnten und umgekehrt: ein Paradebeispiel, so will es scheinen, arabischer „Logik“.

Der Libanon ist ein Tollhaus geworden. Und nach dem letzten Fehlschlag ist nicht einmal mehr sicher, ob es die Syrer wieder in Ordnung bringen können. Doch wer, wenn nicht sie, hätte die Macht dazu? D. St.