Von Evi Melas

Zypern wurde 1974 nach der türkischen Invasion aus den Programmen der Reisebüros gestrichen. Was sollte ein Urlauber auch auf einer Insel, etwa in der Größe von Hessen, deren Territorium zu 36 Prozent von einer 40 000 Mann starken türkischen Armee besetzt ist, während auf dem übrigen Gebiet 80 000 griechische Zyprer als Flüchtlinge leben? Wer könnte sich hier erholen oder in Ruhe jahrtausendealte Kultur betrachten und die Verzweiflung der Vertriebenen ignorieren? Die Zyprer selbst teilen solche Bedenken nicht, ihnen ist jeder Besucher willkommen, nicht nur aus wirtschaftlichen, sondern auch aus menschlichen Gründen.

Ist das freie Zypern, also der Süden, heute eine Reise wert? Ich meine ja; sogar mehr denn je, sowohl für den Erholungsbedürftigen und Kunstliebhaber als auch für den politisch Interessierten. Man kann das Meer genießen und Kunstschätze bewundern, ohne daß die Zyperngriechen den Urlauber mit Klagen bedrängen. Sie sind stolz darauf, daß Aphrodite bei ihnen, am Strand bei Paphos, aus den Meereswellen stieg und daß der stoische Philosoph Zenon in Kition (Larnaka) geboren wurde.

Ich fuhr mit dem Schiff in den Hafen von Limassol ein, nahm ein Taxi zur Hauptstadt Nikosia, wohnte im ruhigen Hiltonhotel, wo sich kaum Touristen aufhielten. Nach Nikosia kommt heute im allgemeinen nur, wer sich informieren will, oder wer geschäftlich dort zu tun hat. Man geht durch lebhafte Handelsstraßen, freilich auch durch andere, mit zerschossenen Häusern. Von Hochhausterrassen sieht man rote Fahnen mit dem islamischen Halbmond herüberwehen: der türkische Stadtteil. Eine Straße bildet die Grenze.