In Hamburg ist vor nur schwach besetzten Zuschauerbänken ein Baader-Meinhof-Prozeß abgeschlossen worden.

Zehn Jahre Haft verhängte das Landgericht gegen den 27jährigen Gerhard Müller, viereinhalb Jahre gegen seine um ein Jahr ältere Mitangeklagte Irmgard Möller. Beide wurden der Mitgliedschaft in einer kriminellen Vereinigung, der Urkundenfälschung und des unerlaubten Waffenbesitzes für schuldig befunden.

Gerhard Müller darüber hinaus der Beihilfe zum Mord. Er habe, so der Spruch, Chemikalien und Batterien für die Sprengkörper beschafft, die im Mai 1972 in mehreren Städten der Bundesrepublik und im Hamburger Springer-Hochhaus explodierten und zu denen sich die Baader-Meinhof-Gruppe bekannt hat. Vier Menschen kamen bei den Anschlägen ums Leben. Den Vorwurf des Mordes an dem Hamburger Polizisten Norbert Schmid, hat die Beweisaufnahme nicht erhärtet.

Achteinhalb Monate hat dieser Prozeß gedauert; für ein Verfahren dieses Ausmaßes ein überschaubarer Zeitraum. Dabei war die Ausgangssituation wie prädestiniert für Konfrontationen und zeitraubende Auseinandersetzungen unter den Prozeßbeteiligten. Die unterschiedliche Interessenlage der beiden Angeklagten heischte auch nach unterschiedlicher Verteidigung.

Müller hat sich von der Baader-Meinhof-Gruppe losgesagt, machte sich mit einem Stern-Interview bundesweit bekannt und wurde frühzeitig möglicher „Kronzeugen“ einsortiert, als die Diskussion um eine entsprechende Gesetzesregelung begann. In der Hauptverhandlung hat er diese Rolle nicht gespielt. Er beschränkte sich auf eine ausführliche Erklärung, in der er seine Erkenntnis artikulierte, daß die Baader-Meinhof-Gruppe „keinen Kampf für das Volk führt, sondern gegen das Volk“. Irmgard Möller dagegen, bis heute überzeugt von den Zielen der „RAF“ (Rote Armee Fraktion), bezeichnete ihren Mitangeklagten als Verräter.

Wenn sich die frostige Stimmung in beiden Lagern der Verteidigung im Prozeßverlauf milderte, lag das vermutlich nicht zuletzt an der flexiblen, zeitweise fast lässig anmutenden Verhandlungsführung des Vorsitzenden Reimer Hadenfeldt.

Dennoch hinterläßt der Prozeß für die Beobachter einen schalen Nachgeschmack: Die Indizienkette für den Anklagepunkt der Beihilfe zum Mord wirkte zuweilen mühsam konstruiert; der Mord am Polizeibeamten Schmid bleibt ungeklärt, ebenso die Frage, ob Müller doch noch als „Kronzeuge“ in anderen Baader-Meinhof-Verfahren auftreten wird. Er selbst hatte nach dem Antrag der Staatsanwälte auf 14 Jahre Freiheitsentzug gesagt: „Die wollen mich wohl doch dazu bringen auszupacken, damit ich auf Begnadigung hoffen kann.“ Cornelie Sonntag