Melancholisch, milde und versonnen – aber über Geld wird nicht gesprochen

Von Ben Witter

Der erfolgreichste Autor der seriösen Gegenwartsliteratur, so wird er genannt, feierte seinen 50. Geburtstag. Von der Universität Hamburg erhielt er die Würde eines Ehrendoktors. Auf einem Empfang des Hoffmann und Campe Verlages, dem er seit fünfundzwanzig Jahren die Treue hält, sprach er auch über das hohe Alter, das zahlreiche deutsche Schriftsteller erreichten, siehe Thomas Mann. Siegfried Lenz’ Verleger erwähnte in seiner Rede häufiger Thomas Mann.

Ob er mit hochgeschlagenem Mantelkragen melancholisch wirkt? Melancholie kleidet ihn genauso wie Milde und Versonnenheit. Siegfried Lenz schlägt den Kragen seines Trenchcoats nicht nur bei Deichwanderungen in Dänemark hoch, in Hamburg geht er auch so herum. In der Gegend, wo er wohnt, trägt man solche Trenchcoats, es sind meistens englische, und sind sie noch ganz neu, hängt man sie bei Dreckwetter auf den Balkon, damit sie Flecke kriegen.

Wir hatten ein Wetter um null Grad mit Wind aus Nordwest, von der Elbe her. Dreizehn Jahre wohnt Siegfried Lenz schon in der Gegend. Die auffallendsten Häuser dort entstanden vor dem Ersten Weltkrieg, und man nennt sie immer noch Villen. Sein Haus kostete damals nur 120 000 Mark. Der Verlag drängte ihm zum Erwerb einen Vorschuß auf, bis dahin hatte er nie Vorschüsse verlangt. Vorher wohnte er in der Nähe vom NDR, das ist auch so eine Gegend mit Villen. Sein Haus ist aber keine Villa. Unten sind die Wände weiß, und trotz der Ölbilder und Graphiken sieht man zu viel Weiß, das angeblich ins Rosa übergeht. Das Rosa muß längst verblichen sein, falls es jemals darin war. Und gegen dieses Weiß knallt das saftige Grün der Sitzgarnitur. Oben hat er sein Arbeitszimmer, da ist auch das Weiß, und durch eine Wandöffnung mit Bogen sieht er in seine Bücherkammer. Und Lilo, seine Frau, sitzt mit der Schreibmaschine in ihrem Dachzimmer, das ist eng, aber luftig, hell und gar nicht weiß. In dem Haus ist nur, was nötig ist und was nicht zu teuer, aber haltbar ist. Und was möglichst gerade Linien zieht.

Ob ich das noch wüßte? Im Herbst 1948 sei er als Volontär in die Redaktion der Welt gekommen, und Willy Haas, der Literaturkritiker – er gab in Berlin die Literarische Welt heraus und emigrierte 1933 –, saß als britischer Kontrolloffizier in Uniform im 1. Stock und habe ihn geprüft. Seine Frage war: "Was wissen Sie über die Gebrüder Schlegel?" Er wußte Bescheid.

Ich wußte nicht, daß es um die Gebrüder Schlegel ging, aber eine Prüfung hatte stattgefunden. Und mir fiel ein, daß er dann in einer Marinerhose in mein Zimmer kam und ich ihn fragte, ob er rauche. Ich hoffte, er hätte eine Zigarette für mich. Er bekam dann auch von den Engländern einen Freßkarton, und trotzdem wurde er im Winter vor Hunger ohnmächtig. Lilo, die Sekretärin, Lilo, die er dann heiratete, Lilo sorgte dafür, daß er wieder zu sich kam, und schenkte ihm einen Apfel. Siegfried volontierte im Feuilleton, eigentlich hätte er auch in die anderen Ressorts gehen müssen, in der politischen Redaktion war er, das stimmt, aber nur für drei Wochen. Im Feuilleton schrieb er Filmkritiken, falls genug Platz vorhanden war, und außerdem redigierte er die Romanfolgen. Er mußte regelmäßig Spannung in die letzten Zeilen der Fortsetzungen bringen. Und wie er das Wort "Hunger" aussprach, als ich sagte, daß ich mich totfressen könnte; es klang wie Anklage und Gebet zugleich.