Von Ulrike und Bernhard Kölver

Bei seinem Staatsbesuch in Nepal im Jahre 1962 eröffnete der damalige Bundespräsident Lübke ein neues Lehrinstitut, das mit Mitteln der deutschen Entwicklungshilfe finanziert worden war und dann zehn Jahre lang unter deutscher Leitung stand. Dieses Technical Training Institute ist eine Ausbildungsstätte für Handwerker. Bis vor kurzem lernten dort, von deutschen Meistern angeleitet, nepalische Lehrlinge ihr Handwerk nach den in Deutschland herrschenden Methoden, und einer der Meister sagte voll Stolz, jeder seiner Absolventen könne es mit einem Deutschen aufnehmen, der die Gesellenprüfung bestanden habe. Das war gewiß keine Übertreibung. Die Kurse waren sorgfältig geplant, die Lehrmittel gut und reichlich, die Ausbilder unermüdlich und genau; stets gab es weit mehr Bewerber als Plätze, so daß die Schulleitung auswählen konnte.

Ein erfolgreiches Projekt also? – Leider nicht. Denn niemand hatte bei der Planung daran gedacht zu fragen, ob eine Ausbildung, wie sie die Bundesrepublik anbot, den nepalischen Bedürfnissen gerecht würde. So stellte sich sehr bald heraus, daß viele Applikanten die Berufschancen ungeheuer überschätzten, die sie sich von der Ausbildung erhofften. Das Institut umgab sich nämlich mit all dem Prestige, das westlicher Technologie anhaftet; es war mit Maschinerie und Know-how ausgestattet, die es in diesem Ausmaß damals nirgends sonst im Lande gab. Bereits die Aufnahme in ein solches Institut sahen die Schüler als Garantie auf einen mit hohem Sozialprestige versehenen Posten an.

Doch Nepal gehört nun einmal zu den Gesellschaften, in denen handwerkliche Tätigkeit nicht von sozialen Eliten ausgeübt wird. Die Erwartungen der Bewerber waren also unbegründet, und es lag auch niemals in deutschem Interesse, sie zu nähren. Doch das Mißverständnis war nicht zufällig entstanden. Vielmehr hatte die nepalische Regierung das Institut, nachdem es in ihre Verantwortung übergegangen war, der einzigen Universität des Landes angegliedert.

Die Überbewertung der Ausbildung entsprang also nicht nur einem individuellen Irrtum, sondern sie entsprach der offiziellen Einschätzung, oder anders: im Rahmen der Chancen, die das nepalische Bildungswesen eröffnet, hatte diese deutsche Berufsschule mit angegliederter Lehrwerkstatt einen so hohen Rang, daß sie institutionell bei der Landesuniversität verankert wurde.

Am Bedarf vorbeigeplant