Die traurige und trotzige Märcheninnenwelt der Sarah Kirsch: „Zaubersprüche“ und „Pantherfrau“

Von Karin Kiwus

Was kann es wohl bedeuten, wenn „die Seele“, dieses Ding aus uralten Zeiten, ausgerechnet einer DDR-Lyrikerin wieder in den Sinn kommt? Sollte etwa auch dieses Museumsstück bürgerlicher Innerlichkeit „zur Bereicherung der sozialistischen Kunst beitragen“ und zu jenen „künstlerischen Entdeckungen“ gehören, deren Förderung im Entwurf eines neuen Parteiprogramms zum IX. Parteitag der SED nachdrücklich zugesichert wird?

Die leise und beharrliche Abwanderung vieler Autoren der DDR in private Bereiche ist unverkennbar. Offensichtlich auch, daß es sich weniger um einen politisch motivierten Rückzug handelt; eher wohl um den Versuch, innerhalb der gegebenen und gebilligten Verhältnisse individuelle Freiräume weiter abzugrenzen. Vor allem an der neueren Lyrik ist abzulesen, wie zugleich loyal und unbeirrbar eigensinnig diese Distanzierung vor sich geht; wie das Unbehagen an einer aussichtslos alltäglichen Wirklichkeit immer eindringlicher artikuliert wird: „...was wollen wir noch / Über die harten Pläne hinaus? ... in die Irre laufen / Einer Losung nach, die zu hoch hängt / Um sie zu prüfen?“ fragt Volker Braun etwa in seinem Gedicht „Allgemeine Erwartung“. „Das kann nicht alles sein“, wiederholt er refrainartig, um am Ende zu insistieren: „Das meiste / ist noch zu erwarten“.

Kulisse von Fabel- und Naturbildern

Einem derart klaren Räsonnement hat Sarah Kirsch, 1935 in Limlingerode im Harz geboren, sich in ihren Gedichten zumeist entzogen. Daß jedoch ihr eigenes mädchen- und märchenhaft versponnenes Reich durchaus von dieser Welt ist, daß gerade sie sich jeder voreiligen Disziplinierung hartnäckig versagt hat, ist seit langem dokumentiert. Vor zehn Jahren schon hat sie auf Fragen nach dem Zusammenhang von sozialistischer Gesellschaft, technischer Revolution und lyrischer Produktion nicht eben versöhnlich geantwortet: „Ich bin mir auch nicht sicher, ob sich die Stellung des Menschen in der Gesellschaft durch die technische Revolution so sehr verändert, und dann gar so, daß es sich gleich auf die Lyrik auswirkt? ... Jetzt lasse ich der technischen Revolution, was ihrer ist, kümmere mich (außer Zeitunglesen, Augen aufmachen wo’s geht) um sie nicht, denke mir, wenn ich sie, die technische Revolution, brauchen sollte, wird sie mir schon in die Zeilen steigen ...“

Selbst da, wo sie sich polemisch gaben, ist gesellschaftliche Wirklichkeit nur mittelbar – vielfach verwandelt vor einer Kulisse von Fabel- und Naturbildern – in die Gedichte von Sarah Kirsch eingegangen. Ein Zusammenhang aber, ein skeptisch gebrochenes Einverständnis zwischen äußerer und innerer Realität hat sich dennoch immer hergestellt. Dieses Verhältnis scheint nun so tief irritiert, daß zumindest auf einer Seite eine verstörte Welt-zurückgeblieben ist die traurige und trotzige Märcheninnenwelt der Sarah Kirsch.