Von Eduard Neumaier

Gott ja, soll halt einen Andengipfel stürmen, wer will, oder in Lappland vereinsamen, meinetwegen auch unter Korsikas Sonne rösten. Denke ich an Wandern, so denke ich an den Schwarzwald, an dessen federnde Tannennadel-Wege; ich denke an schöne Täler und an satte Wiesen, an dunkle Wälder und kühle Bergbäche, an gemütliche Wirtshäuser und freundliche Menschen, an deftigen Most und geräucherten Speck. Keinesfalls denke ich daran, mich zu strapazieren. Aber immer Schwarzwald – muß ja nicht sein. Irgendwann war mir einmal ein Bericht über das Mühlviertel unter die Augen gekommen, ein Schimmer von Adalbert Stifter klarte auf, Hochficht, Böhmerwald. In gewisser Weise halt doch wieder Schwarzwald, sozusagen ein gemäßigter. Eben auf österreichische Art.

Wer vom Wandern nichts hält, wenn es zu höchsten sportiven Leistungen herausfordert, noch es lediglich als eine Art ausgedehnten Spaziergang betrachtet, wer den Marsch durch die Natur gerne abseits des Trubels, aber nicht vereinsamt unternimmt, wer sich nicht trotz Kompaß verirren, sondern sicher sein will, nach sechs oder sieben Stunden Marsch ein ordentliches Gasthaus vorzufinden, wer nicht erpicht ist, hinter oder in jedem Dorf ein Museum zu finden und trotzdem einer kulturreichen Landschaft zu begegnen, wessen Hunger groß, aber der Geldbeutel dünn ist, dem sei jenes Viertel in Oberösterreich empfohlen, das nach dem Flüßchen Mühl benannt ist. Es ist im Süden begrenzt durch die Donau und bohrt sich wie ein Keil in das deutsch-tschechoslowakische Grenzgebiet. Es ist ein stiller Winkel, ein Herrgottswinkel, und seine Lage verbürgt fast, daß er noch viele Jahre unangetastet neben den Touristen -Magistralen liegen wird (hoffentlich, muß man sagen, denn wer weiß, ob die Sehnsucht nach Stille nicht eines Tages auch diese Ecke touristisch erschließen wird). Jedenfalls ist es wahr, was ein Prospekt verheißt: Kein Industrieschornstein verunziert das Mühlviertel.

Es ist so recht eine Gegend, um Wanderer mit halbwegs ordentlicher Kondition zu erfreuen, wie es eine Region ist, in der Ungeübte ihre ersten Wander-Erfahrungen sammeln können. Bestrebt, die Auflage der Reise-Redaktion zu erfüllen, pro Tag mindestens 10 bis 15 Kilometer oder vier Stunden zu wandern, hatten meine mehr auf Spaziergänge getrimmte Frau und ein befreundetes Ehepaar leichthin gemeint, das müsse doch gut zu schaffen sein. Entsprechend sorglos waren die Vorbereitungen ausgefallen. Alle hatten sich neues Schuhwerk gekauft, schönes, kräftiges, doch zugleich leichtes, und nach zwei, drei Spaziergängen ohne Rucksack, ohne Steigungen und ohne Gefälle das sichere Gefühl gehabt, die Schuhe ihren Füßen angepaßt zu haben. Sie waren es mitnichten.

Der lästerlich frühe Aufbruch in Linz, wo Postbus und Mühlviertelbummelbahn ungefähr gleichzeitig die Zweistundenfahrt zur Endstation Aigen-Schlägl (60 km) beginnen (bis mittags keine Verbindung mehr), wird vor allem bei schönem Herbstwetter durch eine idyllische Fahrt belohnt. Rehe springen über die taufrischen Wiesen, als die Dampflock die schmale Spur hochkeucht. Fuhrwerke rollen über Landstraßen, Kuhglocken bimmeln. Dann kommt Aigen-Schlägl – und die erste Irritation. Der Bus, der uns nach Holzschlag bringen soll, wo wir zum Nordwaldkammweg aufsteigen wollen, fährt von der Bahnstation in Schlägt nur bis ins Dorf Aigen. Es ist ein fast südländisch anmutendes Dorf, die Häuser um den hübschen Marktplatz sind bunt bemalt. Ein kurzer Blick in die Kirche (Barock), etwas Proviant-Einkauf für unterwegs, ein kräftiges Frühstück in einem sehr kommoden Hotel („Almensberger“) und die Suche nach einer Transportgelegenheit, um sich zehn Kilometer Anmarschweg zu ersparen – es ist schon kurz vor elf Uhr, als wir in Holzschlag dem Taxi entsteigen, erstmals die Wanderkarte entfalten und die Rucksäcke auf den Rücken schwingen. Der kurze, aber steile Aufstieg dauert eine knappe Stunde. In etwa tausend Meter Höhe sind erste, noch kaschierte Seufzer zu hören. Es ist fürchterlich heiß.

Trotzdem ist es schön, unter hohen Tannen zu wandern, weniger angenehm sind die von Wasser freigespülten Steine. Es geht über den Höhenweg, der idiotensicher markiert ist (an buchstäblich jedem zweiten Baum der dicke stilisierte blau-weiße Kamm), zum einen, um sich auch im Nebel orientieren zu können, zum anderen, weil die Grenze zur Tschechoslowakei stellenweise wirklich nur ein paar Schritte neben dem Wanderpfad verläuft. An manchen Stellen muß man ihn verlassen, weil Bergwasser ihn aufgeweicht hat. Das geht über lange Strecken so. Im Frühling, nach der Schneeschmelze, dürfte dieser Teil nur schwer zu begehen sein. Aber welch wunderbare, unglaubliche Stille. Man hört, was man so selten wahrnimmt: vielfältiges Vogelgezwitscher, säuselnden Wind, das Murmeln von Bächlein, an denen wir unsere Feldflaschen füllen. Es ist fast kitschig schön.

Wir kommen nach Schöneben, einem kleinen Zinken, zur ersten Jausenstation (für Nichteingeweihte: Hier können Familien auch mitgebrachtes Vesperbrot verzehren). Vielleicht bilden wir es uns nur ein: Wir meinen Räucherspeck zu riechen und entwickeln riesigen Appetit. Danach legen wir uns ins Gras. Von Rucksäcken befreit, die Schuhe geöffnet. Das Leder ist doch härter als unsere Haut. Jetzt, meint meine Frau, könnte sie gerade liegenbleiben. Von wegen.