Von Benjamin Henrichs

Man kennt so etwas aus Deutschstunden, Schulaufsätzen, Seminararbeiten. Teil A: die individuellen Aspekte des Dramas; Teil B: das soziale Umfeld. Die Zerlegung einer komplizierten Wirklichkeit in ihre Einzelteile – unternommen allein zum höheren Ruhme der Philologie.

Das Stuttgarter Schauspiel, ein höchst vitales, von Schulmeistern ganz freies Theater, hat jetzt Georg Büchners "Woyzeck"-Fragment auf ähnliche Weise analytisch zerlegt. Die Geschichte des Franz Woyzeck wird an einem Abend zweimal hintereinander gespielt: "Der Eifersuchts- und Mordgeschichte (1. Teil), ganz auf die Figur Woyzeck konzentriert, steht im 2. Teil die Darstellung des sozialen Umfelds, des äußeren Drucks, der permanenten, auch öffentlichen Abrichtung des Woyzeck gegenüber" – so der Dramaturg des Abends, Hermann Beil. Der erste Teil beginnt mit der Szene "Buden. Volk.", konzentriert sich dann vor allem auf die Szenen Woyzeck/Andres, auf Woyzecks Angstvisionen also, bringt das berühmte, trostlose Märchen der Großmutter, erzählt ausführlich Woyzecks Mord und endet mit den Sätzen des Gerichtsdieners: "Ein guter Mord, ein achter Mord, ein schöner Mord, so schön als man ihn nur verlangen thun kann, wir haben schon lange so kein gehabt." Der erste Teil erzählt von Woyzecks Qualen, der zweite Teil von denen, die den Woyzeck quälen – hier werden dann vor allem die Szenen mit Doktor, Hauptmann und Tambourmajor vorgeführt.

Ein faszinierender Gedanke oder doch nur eine dürre Dramaturgenidee, dieser Versuch, einen bekannten, vielleicht schon allzu bekannten Theatertext aus zwei völlig verschiedenen Perspektiven zu erzählen? Das Stuttgarter Büchner-Projekt hat zwei Woyzecks (Gert Voss und Branko Samarovski) und zwei Maries (Kirsten Dene und Lore Brunner). Es hat, merkwürdigerweise, nur ein Bühnenbild: ein hoher, zerklüfteter Hügel aus schwarzem Schutt – ein bißchen dürres Gestrüpp wächst darauf, Abfall liegt herum, irgendwo steht ein rostiger Hydrant. Dahinter ein hoher, grauer Himmel. Andreas Reinhardt hat ein malerisch-schönes, aber auch pathetisch-abstraktes Bühnenbild erfunden – eine düstere Symbollandschaft, geeignet nur für den ersten Teil des Projekts, für Woyzecks Privatdrama. Nach der Pause verzieren kleine blaue und grüne Lämpchen den Hügel, sonst verändert sich nichts – die abstrakte Szenerie muß nun auch Schauplatz sein für die nicht-abstrakte, sozial konkrete zweite Version der Geschichte. Das kann nicht funktionieren und funktioniert auch nicht – der zweite Teil unterscheidet sich vom ersten nur in der Besetzung und in Details, kaum in der Interpretation und fast überhaupt nicht in den theatralischen Mitteln. Statt zwei verschiedenen Inszenierungen sieht man: eine spannende Kurzfassung und eine etwas langweilige Langfassung derselben Geschichte.

Das Interesse an einem Stück ist wohl doch nicht so schematisch teilbar, in ein nur privates und ein nur soziales Interesse – und genausowenig gibt es wohl die Trennung zwischen einem bloß individuellen und einem sozialkritisch-überindividuellen Theaterspiel. Ohnmacht der Theorie: ganze Generationen von Theaterwissenschaftlern ergrauen über der Frage, was denn um Himmels willen Verfremdung, was Identifikation auf dem Theater sei. Begriffe, die so tun, als sei die Wirklichkeit sortierbar, übersichtlich wie ein Krämerladen.

Vor der Pause ahnte man immerhin, worauf das Unternehmen hinauswill: Sehr genau und überlegen zitierte da Kirchners Regie Ausdrucksmittel eines expressiven, zu Effekten verkürzten Theaterspiels. Einen Eifersuchtsanfall spielt Gert Voss vorn an der Rampe, mit zitternden, wegsinkenden Beinen. Die Wirtshausszenen spielen in einer winzigen Holzhütte, in der zehn Leute, bleich, schwitzend, eng und lüstern aneinandergedrückt, einen hektischen Ländler tanzen. Dämonische Verkürzungen und rührende Idyllen: vor dem Mord setzen sich Woyzeck und Marie still auf den Boden, Woyzeck gibt der Frau aus einer kleinen Flasche zu trinken, Marie holt ein Stück Brot aus der Rocktasche, teilt es mit dem Mann. Ein paar Minuten Stille und Frieden vor der Gewalttat – die dann auch gar nicht so gewalttätig aussieht: Noch wenn Woyzeck auf Marie einsticht, greift sie wie streichelnd nach seinem Kopf. Eine traurige, schön-traurige Liebesgeschichte. Man sieht zwei Figuren zu, die Idealisierungen sind, Abstraktionen, Tragödiengeschöpfe eben: von Häßlichkeit, Wirklichkeit kaum beschmutzt.

Zu Beginn des zweiten Teils hockt Woyzeck (jetzt: Branko Samarovski) auf einem Tisch auf halber Höhe des Hügels – das "Volk" hat sich auf dem Gipfel niedergelassen und schaut nun von oben, wie von einer Stadiontribüne, auf Woyzeck herab. Samarovski, mit zerfurchter Stirn, hochgezogenen Schultern, linkisch verdrehten Armen, spielt anfangs durchaus etwas anderes als Voss: eine mehr mißhandelte, verkrüppelte, eine weniger leidensschöne Figur. Aber eine wirkliche Veränderung, Erweiterung, Konkretisierung der Geschichte gelingt der Aufführung nicht – auf Reinhardts Niemandsland-Bühne findet bloß eine vage, redlich konventionelle Nacherzählung des Stücks statt. Die im ersten Teil noch scharfen Umrisse verschwimmen, die Schauspieler finden keine Neuformulierungen für die Figuren, nur Wiederholungen und zaghafte Variationen. Wie der arme Mann Woyzeck und die armen Leute überhaupt "öffentlich abgerichtet" werden, wie und warum: Kirchners Inszenierung findet keine Antworten.

Eine wunderbare Szene freilich passiert: Hugo Lindinger spielt den Hauptmann. Nicht als die übliche feiste Charge, sondern als einen (wie Woyzeck) panischen Menschen – mit jähen Stimmungswechseln von dröhnender Heiterkeit zu zitternden Ängsten, Ausbrüchen von Lüsternheit und Zusammenbrüchen in Müdigkeit: ein höchst komplizierter, mit Phantasie nacherlebter Mensch an einem allzu ausgedachten Theaterabend.