Die Aussperrung dreier westdeutscher Rundfunkleute von der Leipziger Messe hat der Bundesregierung einige Selbstbeherrschung abverlangt. Gegenüber dem Ansinnen, Gleiches mit Gleichem zu vergelten und bei passender Gelegenheit Journalisten aus der DDR vor die Tür zu setzen, hatte sie keinen leichten Stand. Aber auch nach diesem Eklat wird sie nichts tun, was demokratischen Freiheiten zuwiderliefe – selbst um den Preis, daß immer wieder der Eindruck einer gewissen Hilf- und Wehrlosigkeit entsteht. Die Ostberliner Willkür ändert nichts an der zähen Erwartung, daß sich die störrische Nachbarregierung auf die Dauer auch der alltäglichen Normalisierung nicht zu entziehen vermag.

Freilich, wie sich der Weg zu dieser Normalisierung fortsetzen und verbreitern läßt, daß weiß im Augenblick niemand so recht zu sagen. Die Reihe der nach dem Grundvertrag abgeschlossenen Einzelvereinbarungen hat mit dem jüngst unterzeichneten Postabkommen allem Anschein nach ein vorläufiges Ende. Eine Übereinkunft über den Rechtshilfeverkehr kam bisher nicht zustande – wegen der unüberwindlichen Frage der Staatsbürgerschaft. Einem Kulturabkommen steht der Prinzipienstreit über den Fortbestand der deutschen Nation im Wege. Und beim gemeinsamen Umweltschutz scheut die DDR noch die damit verbundenen hohen Kosten.

Um so wichtiger ist das vieltausendfältige Geflecht der privaten Beziehungen zwischen den beiden deutschen Staaten, zwischen Verwandten, Freunden und Bekannten. Aber manche Anzeichen deuten darauf hin, daß es sich lockert, anstatt stabil zu bleiben oder sogar fester zu werden. So hat eine Erhebung des Allensbacher Institutes ergeben, daß die „innere Distanz“ zwischen hüben und drüben wächst.

Auf die Frage, ob man gegenüber Bürgern der DDR Gefühle wie gegenüber Landsleuten hege oder ihnen zum Beispiel wie Österreichern begegne, entschieden sich im November 1975 nur 52 Prozent für die Landsleute. 1970 waren es noch 68 Prozent. Der Anteil derer, die keine landsmannschaftlichen Regungen mehr verspüren, nahm von 20 auf 29 Prozent zu, und jene, die sich unentschieden zeigten oder die Antwort schuldig blieben, machten 1970 rund 12, Ende letzten Jahres hingegen 19 Prozent aus.

Dieser Befund deckt sich mit den Eindrücken mancher Bonner, die am innerdeutschen Brückenbau unmittelbar beteiligt sind. Sie sind skeptisch, ob die gegenwärtige Reiseflut in die DDR (1975 mehr als drei Millionen Bundesbürger) anhalten wird. Denn diese Besuche führen anscheinend oft zu der Erkenntnis, daß die „anderen“ Deutschen tatsächlich anders geworden sind. Viele Gespräche finden nicht mehr auf der gleichen Wellenlänge statt. Folglich könnte es bei ein- oder zweimaligen Visiten bleiben, nach denen die Freundes- oder Verwandtenpflicht als erfüllt gilt.

Einstweilen sind dies erst subjektive Eindrücke. Welche Konsequenzen die Besuche haben, müßte genau und systematisch untersucht werden. Aber am Ende könnte die Bestätigung der bitteren Weisheit stehen, daß die Zeit nicht nur heilt, sondern eben auch teilt.

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