Von Egon Bahr

I

Auch in der Politik gibt, es Modeerscheinungen. Dazu gehört in neuester Zeit die Debatte darüber, ob die Politik der Entspannung gescheitert ist. Die Diskussion geht über die sicher auch wahltaktisch zu verstehende Bemerkung des amerikanischen Präsidenten hinaus, der die niemals ins Englische übersetzte französische Vokabel "Détente" nicht mehr benutzen möchte, aber seine Politik der Minderung von Spannungen auf der Basis der Stärke fortsetzen will; sie fragt besorgt nach einer Verschiebung der Gleichgewichte, nach Vorteilen der Sowjetunion, nach Gefährdung von Positionen im südlichen Afrika, Interventionen in Angola, den Auswirkungen des Verlustes von Vietnam, der innenpolitischen Schwäche Italiens, der Volksfrontdiskussion in Frankreich und der außenpolitischen Lähmung der Vereinigten Staaten.

Wer diese einzelnen Punkte genauer untersucht, wird bezweifeln, ob sie Ergebnisse der Entspannungspolitik sind.

Statt dem amerikanischen Außenminister vorzuwerfen, er hätte Moskau und Havanna früher warnen sollen, wäre eher zu fragen, was Europa getan hat. Daß der Kongreß Ford und Kissinger in den Arm fällt, mag eine Folge des gescheiterten Überengagements in Vietnam gewesen sein, berechtigt aber zu Vorwürfen an die amerikanische Adresse nur insoweit, als nicht einmal die Volksvertreter der westlichen Führungsmacht der Versuchung widerstehen können, ihrem Außenminister die Mittel zu verweigern, die er braucht, damit Amerika nicht in eine Position der Schwäche gerät, für die man Kissinger zu Unrecht angreift.

II

Die Politik der Entspannung war das Ergebnis der Fähigkeit beider Supermächte, auch im Fall eines ersten Schlages des anderen vernichtend zurückschlagen zu können. Der große Krieg bot nicht mehr die Chance zu gewinnen; die Bereitschaft zum Selbstmord auf dem Umweg über den anderen großen Partner setzte dem klassischen Denken ein Ende, das den Krieg als Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln definierte. Die Weigerung zu einem Verhalten à la Hitler, nach dem man den anderen mit ins Unglück reißt, führte zu einer Politik der Entspannung. Entspannung ist das Ergebnis eines technologischen Durchbruchs, der für eine nicht absehbare Zeit den beiden Supermächten im eigenen Interesse die Benutzung ihrer am weitesten entwickelten militärischen Mittel verbietet. Insofern handelt es sich um eine geschichtlich neue Situation, die durch die viel gescholtene Atombombe und die Weiterentwicklung der interkontinentalen Raketen erreicht worden ist.