Von Carlos Barral

Seit den Anfängen des Protestlieds in den fünfziger Jahren sind während der ganzen Franco-Epoche die Sänger mit auch nur den winzigsten revolutionären Ideen aufs sorgfältigste diskriminiert worden – und im Fall Spaniens konnten diese Ideen einfach in ein paar abstrakten Anspielungen auf die Freiheit bestehen. Ein Vierteljahrhundert lang gab es verbotene Lieder, verhinderte Auftritte und Liedermacher, denen der Zugang zu den großen Kommunikationsmedien in jedem Fall verwehrt wurde.

Die meisten dieser Dichter und Sänger artikulierten nämlich (im Falle der Katalanen, Basken und Galicier) nationale oder (im Falle der Valencianer, Andalusier oder sogar der Extremadurer) regionale Forderungen. Während der gesamten faschistischen Ära aber war ein extremer Unitarismus, die Ablehnung aller sprachlichen oder kulturellen Eigenständigkeitsansprüche, die aus den historischen Nationalitäten Spaniens kamen, eins der Dogmen der armseligen franquistischen Ideologie, für die der Bürgerkrieg als eine Art Kreuzzug galt, der dem Land das Heil gebracht habe.

Während des langen Sterbens von Franco blieben die meisten dieser Chansonniers, dieser volkstümlichen Barden der verbotenen Nationalismen, auch selber weiterhin verboten. Einer von ihnen, Joan Manuel Serrat, wurde nicht nur verboten, sondern auch verbannt: Er hatte Ende 1975 in Mexiko öffentlich gegen die Vollstreckung der fünf politischen Todesurteile protestiert. Vielfach verdammt und bedroht, konnte er bisher nicht nach Spanien zurückkehren. Der Valencianer Raimon, der Katalane Lluis Llach, der Andalusier Manuel Gerena, sie alle Protagonisten skandalumwitterter Erfolge in den Universitäten, bleiben in der Öffentlichkeit weiterhin zum Schweigen verurteilt.

Doch die erste Regierung des Königs mußte ihre Liberalität beweisen; sie mußte den Eindruck erwecken, daß der Staat seine Angst vor den Rhapsoden verloren hatte – vor Sängern, die in Gedichten, nicht weniger abstrakt als die Liebeslieder der Troubadoure, die Freiheit besangen. Und so wurden einige außergewöhnliche Veranstaltungen genehmigt: Raimon, Lluis Llach, der junge Ramon Muntaner durften auftreten. Sie sollten die Sporthallen von Barcelona und Madrid und die großen Theatersäle der Provinzhauptstädte füllen. Was da zu hören war, war die Musik des cambio – des Wechsels, der Veränderung, der Reform. Cambio, das ist das meistgebrauchte Wort der neuen Regierung, ein Euphemismus, der für die Liquidierung der Diktatur steht. Erst kam Barcelona, dann Madrid, aber dort riß der Faden der Duldsamkeit auch schon wieder: Die hauptstädtischen Veranstaltungen waren zu Ende, das frühere Schweigen kehrte wieder ein. Die Höhepunkte der Musik der Veränderung waren der Auftritt von Lluis Llach im Sportpalast von Barcelona am 15. Januar und der von Raimon in der Sporthalle von Real Madrid am Abend des 5. Februar.

Zum Auftritt von Llach waren Vertreter des illegal neugebildeten Consell de Forces Politiques de Catalunya(des Rats der politischen Kräfte Kataloniens) eingeladen worden, zu dem alle politischen Parteien von den Kommunisten bis zu den Rechtsliberalen gehören; und zusammen mit ihnen Vertreter der Literatur, der Philosophie, der Naturwissenschaften und Bürgerrechtler wie der unermüdliche Priester Xirinachs, ein langerfahrener Spezialist für den Hungerstreik und zweimal Kandidat für den Friedens-Nobelpreis. Die Ehrengäste saßen nahe der Bühne. Der Rest des Publikums, nahezu zehntausend Menschen, bestand aus jungen Enthusiasten verschiedenster Herkunft. Die ersten Lieder wurden vorgetragen. Und plötzlich wußte man du Wahrheit: Der Protagonist hier war das Publikum, das Publikum, das bis dahin verboten gewesen war und vielleicht auch weiter verboten bleiben würde. Das Publikum, das nicht in die Halle paßte und seinen ersten Lebensbeweis gab, als es wü:end gegen die Polizisten protestierte, die draußen gegen jene vorgingen, welche noch auf Einlaß in die überfüllte Halle warteten.

Die üblichen Gesten und Rituale der musikalischen Happenings: brennende Streichhölzer in jeder Hand, rhythmische Wellenbewegungen in den Zuhörerreihen, während Dutzende von Schildern mit der Forderung nach Amnestie, von katatonischen Nationalfahnen, roten Fahnen, Fahnen der 1939 mit Waffengewalt liquidierten Republik durch die ganze Halle von Hand zu Hand gereicht wurden. Es war ein ungewöhnlicher Anblick, Leute aus den Chefetagen der Banken und der Industrie Arm in Arm mit den radikalsten Arbeiterführern oder mit bärtigen Intellektuellen zu sehen. Bald stand das Publikum auf und skandierte den unter den heutigen Umständen politischsten Slogan: „Llibertat, Amnistía, Estatut d’Autonomía“ (Freiheit, Amnestie, Autonomiestatut). Dem Publikum, sagte der Romancier García Hortelano, waren einige Stunden Pause gewährt worden, und es nutzte sie, ohne sie zu mißbrauchen, aber auch nicht ohne die Ordnungshüter zu verstören, die angriffslustig auf den oberen Rängen erschienen und durch Buhrufe verscheucht wurden. Die Leute, sagte ein anderer Schriftsteller aus Barcelona, hätten den Eindruck gehabt, sich für eine Weile in einem ganz anderen Land zu befinden, einem geographischen Irrtum aufgesessen zu sein.