Wenn Bernhard Graewe seinen Taschencomputer zur Hand nimmt, können sich die Lebensversicherer auf Überraschungen gefaßt machen. Der Chefmathematiker vom Deutschen Herold in Köln, einem der sieben großen Lebensversicherungskonzerne in der Bundesrepublik, zählt – so ein Experte aus dem Bundesaufsichtsamt für das Versicherungswesen – zu den kreativsten Männern der Branche.

Seinen jüngsten Schlag bereitete der heute 43jährige in fünf Jahren „zäher Kleinarbeit“ und „enormer Widerstände“ vor. Was dabei herauskam, stellt der Deutsche Herold jetzt als „Vario-Dynamik, die verbraucherfreundliche Lebensversicherung“ vor. „Das ist nicht nur ein neuer Tarif“, erklärte Graewe, „das ist eine völlig neue Form der Lebensversicherung.“

Novitäten sind das Metier des Spezialisten, der 1972 nach nur dreijähriger Zugehörigkeit in den Vorstand des Konzerns aufrückte. Mit seinem ersten Schachzug – einer Sachwertpolice, die den Risikoschutz einer Lebensversicherung mit den Wachstumschancen eines Investmentfonds verbindet – wuchtete Graewe den ehrwürdigen Herold in nur fünf Jahren vom 15. auf den siebenten Platz der bestandsstarken deutschen Lebensversicherer.

Mit seinem neuesten Coup glaubt Graewe „den Vorreiter einer völlig neuen Art der Lebensversicherung“ kreiert zu haben. Während die herkömmliche Lebensversicherung in ihrer Mischform die Absicherung im Todesfall wie auch die Vorsorge fürs Alter (Erlebensfall) gleichwertig behandelt, so daß die vereinbarte Vertragssumme im Todes- oder Erlebensfall gleich ist, akzeptiert die Versicherungsaufsicht zum erstenmal einen Bruch der starren Form.

Der Versicherungskunde, dessen Beitrag aus dem Risikoanteil, dem Sparanteil sowie dem Kostenanteil besteht, kann jetzt jederzeit, auch während der Laufzeit, den Risikoanteil zu Lasten des Sparanteils und umgekehrt verändern. Die von der Gesellschaft garantierte Vertragssumme ist im Todes- und im Erlebensfall nicht mehr unbedingt identisch, sondern kann nach 221 verschiedenen Computermodellen variiert werden. Im unteren Bereich liegt die von der Behörde genehmigte garantierte Todesfallsumme bei 80 Prozent, wobei der Sparanteil höher ist, im oberen Bereich bei 300 Prozent, wobei eine geringere Erlebensfallsumme gezahlt wird.

Für Junggesellen, die größeren Wert auf die steuerbegünstigte Kapitalansammlung legen, bietet der untere „80-Prozent-Tarif“ bare Vorteile. Als Dreißigjähriger, der sich bis zu seinem 65. Lebensjahr mit monatlich hundert Mark versichert, erhält er im Erlebensfall die garantierte Summe von 50 000 Mark zuzüglich der angesammelten Überschüsse und Gewinne in Höhe von schättungsweise 75 000 Mark, also insgesamt 125 000 Mark. Bei vorzeitigem Tod liegt die garantierte Summe bei 40 000 Mark plus angesammeltem Guthaben.

Der gleiche Kunde, der als Familienvater den höchsten Risikoschutz („300-Prozent-Tarif“) wählt, erhält zum 65. Lebensjahr lediglich 24 000 Mark garantiert, zuzüglich etwa 76 000 Mark angesammeltem Guthaben, also insgesamt 25 000 Mark weniger als sein Kollege. Im Todesfall garantiert die Gesellschaft jedoch 70 000 Mark zuzüglich Guthaben, also erheblich mehr. Die Monatsbeiträge sind in beiden Fällen einhundert Mark.