Von Petra Kipphoff

Seit es die documenta gibt, seit 1955 also, hat es immer wieder, eine gegeben. Fünfmal fand diese Kasseler Schau internationaler zeitgenössischer Kunst bisher statt. An Unregelmäßigkeiten ist nur zu berichten, daß der ihr eigene Vierjahresrhythmus zweimal nicht eingehalten wurde: Die documenta III fand 1964 statt 1963 statt, die documenta VI ist, das wissen wir seit 1975, von 1976 auf 1977 verschoben. Daran muß erinnert werden, denn zu jeder documenta gehörte, daß Beteiligte und vor allem Unbeteiligte einander vorher Manifeste und Ultimaten, Drohbriefe und Solidaritätsadressen, Rücktrittsdrohungen und Teilnahmewünsche, Konzepte und Klauseln um die Ohren und der Öffentlichkeit vor die Füße knallten, kurz: daß die documenta immer platzt, bevor sie stattfindet. Im Zusammenhang dieser documenta-Geschichte und nach der Pressekonferenz, zu der Ende letzter Woche nach Kassel eingeladen wurde, also kann man feststellen: die documenta VI findet statt.

Die documenta VI wird sich vom 24. Juni bis zum 2. Oktober 1977 im Museum Fridericianum, in der Orangerie, der Aue und möglicherweise im Oktogon-Sockel des Herkules-Denkmals ausbreiten, der Ausstellungs-Etat beträgt 4,5 Millionen Mark, von denen man 1,5 Millionen durch Einnahmen zu gewinnen hofft, in die restlichen drei teilen sich Stadt, Land und Bund. Das sind die kalendarischen, lokalgeographischen und etatistischen Daten. Zum Komitee der documenta VI gehören Arnold Bode (der "Erfinder der documenta", der alle Nachfolger, die ihn ausmanövrieren wollten, überlebt hat); Gerhard Bott (seit 1975 Generaldirektor der Kölner Museen); Edward Fry (der Verfasser eines Buches über Kubismus ist, zusammen mit Jan van der Marek, ein amerikanisches Überbleibsel aus der Zeit, als die documenta VI noch nach Philadelphia exportiert werden sollte); Erich Herzog (Direktor der Staatlichen Kunstsammlungen Kassel); Klaus Honnef (ehemaliger Leiter des Kunstvereins Münster); Karl Ruhrberg (Leiter des Berliner Künstlerprogramms des Deutschen Akademischen Austauschdienstes); Wieland Schmied (ehemaliger Leiter der Kestner-Gesellschaft und Autor von Büchern über die Neue Sachlichkeit, den Surrealismus und C. D. Friedrich); Evelyn Weiss (Kuratorin der Sammlung Ludwig am Wallraf-Richartz-Museum). Das sind die Personen, die, zusammen mit Manfred Schneckenburger (von 1973 bis 1975 Direktor der Kölner Kunsthalle), dem künstlerischen Leiter der documenta VI, für das Gelingen verantwortlich sind.

Diese Zahlen und Namen sind zum Teil nicht mehr ganz neu. Man muß sie aber noch einmal nennen: weil, seit vor rund zwei Jahren die ersten Personenlisten, Konzepte und Dementis die Runde machten, Chaos und Querelen so ausgeufert sind, daß zum Schluß niemand mehr das ganze "Quid pro quo" durchschaute; und weil es die einzigen Fakten sind, die jetzt in Kassel offeriert wurden. Die knapp sieben Blatt Text mit dem Titel "Grundlagen der documenta VI", die außerdem gereicht wurden, sind eher eine Quelle der Heiterkeit als der Information.

Man darf dieses Papier nicht allzu ernst nehmen, denn jede documenta war bisher anders und besser als ihre Voraus-Theorie. Man muß dieses Papier etwas ernst nehmen, denn wenn diese Parodie eines Konzepts dennoch wahr wird, dann wird die documenta VI die Parodie einer Ausstellung.

Zwei Dinge sind es, die (hat man sich entschlossen, das Schwelgen in Passagen wie "Mc-Luhans Satz ‚Das Medium ist die Botschaft‘ stand einmal als viel belächeltes Mediengespenst im Raum" nicht überhandnehmen zu lassen) an diesem Text auffallen: erstens ein schwerer documenta-V-Komplex, zweitens eine fatale Begriffsverwirrung.

Die indirekte Belastung, die die umstrittene, verwirrende, überzeugende documenta V bedeutet, ist sehr verständlich. Hier wurde, dank Harald Szeemanns hellsichtiger Dickköpfigkeit, nicht nur zum erstenmal die neue Kunst in der Totalen gezeigt, sondern auch ein Angebot gemacht, über das Gesehene nachzudenken. Seit diesem "100-Tage-Ereignis", das auch in der documenta-Geschichte einen Wendepunkt bedeutete, hat sich die Kunstszene nicht entscheidend verändert, die Kunstdiskussion nicht sehr erweitert.