Von Karl-Heinz Arndt

Der Codename des Unternehmens war „Rheinübung“; und so sehr auch Todesernst jenes „.. Übung“ zur Blasphemie machte: heute, im Rückblick nach einem Dritteljahrhundert, wirkt diese Tarnbezeichnung so falsch nicht. Denn damals, als das Schlachtschiff „Bismarck“, begleitet vom Schweren Kreuzer „Prinz Eugen“, in den Atlantik dampfte, übten die Deutschen sich gleichsam in Weltgeschichte.

Es war ihr erster Versuch, Seemacht auf dem Ozean zu gewinnen – und zwar klassische Seemacht mit Überwasserschiffen, von denen jedes einzelne ein ganzes U-Boot-Rudel aufwog. Solche Seemacht auf dem Weltmeer aber war seit Trafalgar anno 1805 eine urbritische Angelegenheit. Die Skagerrakschlacht von 1916 hatte daran nichts ändern können. Nun jedoch drohte der Vorstoß schwerer deutscher Schiffe – anders als der „Blitz“ der Luftwaffe, der nie zündete, und die Blockade durch U-Boote, die bruchstückhaft blieb – Großbritannien in Lebensgefahr zu bringen.

Die Meldung, von der das Vereinigte Königreich alarmiert wurde wie von keiner sonst im Zweiten Weltkrieg, bestand aus drei Worten: „Hood blows up.“ Der Schlachtkreuzer „Hood“, der als das größte Kriegsschiff der Welt galt, war am 24. Mai 1941 im Granatfeuer der „Bismarck“ und der „Prinz Eugen“ in die Luft geflogen. Der Schock der Nation dauerte drei Tage. Am 27. Mai 1941 unterbrach Churchill im Parlament die Debatte: „Mr. Speaker, ich bitte um Nachsicht. Ich habe soeben erfahren, daß die ‚Bismarck‘ versenkt wurde.“ Die größte Verfolgungsjagd der Seekriegsgeschichte war zu Ende. Das für einen weiten Leserkreis beste Buch darüber ist 31 Jahre später erschienen und mittlerweile ins Deutsche übersetzt, ein Bericht aus britischer Sicht:

Ludovic Kennedy: „Versenkt die Bismarck!“ Verlag Fritz Molden, Wien 1975; 276 S., 30 Abb., 32,50 DM.

Aus deutscher Sicht ist über Sieg und Niederlage der „Bismarck“ viel geschrieben worden, von sagahaften Erzählungen unter sozusagen flaggenstolzem Titel wie „Getreu bis in den Tod“ (Will Berthöld, München 1957) bis zur präzisen Darstellung im Standardwerk „Schlachtschiff Bismarck“ (Jochen Brennecke, Herford 1960 und weitere Auflagen). Auch an admiralstabsmäßigen Untersuchungen herrscht kein Mangel, wenngleich das wichtigste Dokument, das Kriegstagebuch des Flottenchefs Lütjens, mit dem Schiff und dem Admiral unterging. Als erster Engländer gab Russell Grenfell einen umfassenden Überblick über die „Jagd auf die Bismarck“ (Tübingen, 1958). Ludovic Kennedy jedoch legte das alles ad acta. Er drehte das Rad der Geschichte zurück zum aktuellen Geschehen. Wie ein Reporter hat dieser Historiker recherchiert. Milieukenntnis hatte er von Anfang an. Als junger Mann, Jahrgang 1919, hatte Kennedy in der Royal Navy an der Verfolgung der „Bismarck“ teilgenommen.

„Versenkt die Bismarck!“, der Titel dieses Buches, war einst der so lakonisch wie energisch gegebene Befehl Churchills. Schon vorher waren schwere deutsche Schiffe auf dem Atlantik gekreuzt. Als die „Bismarck“ und die „Prinz Eugen“ in der Dänemarkstraße zwischen Island und Grönland, nahe der Packeisgrenze, aus Dunst- und Regenschleiern auftauchten und von feindlichen Kreuzern aufgespürt wurden, war die britische Flotte über den Atlantik zerstreut. Die Admiralität sah sich gezwungen, in Begleitung der „Hood“ die neue, noch nicht frontreife „Prince of Wales“ ins Gefecht zu schicken; auf diesem Schlachtschiff arbeiteten noch Techniker der Geschützfabrik.