Von Dieter Buhl

Washington, im März

Die politischen Sterndeuter Amerikas haben in diesen Vorwahlwochen Hochkonjunktur. Ihr derzeit interessantes Objekt: Jimmy Carter. Ist der ehemalige Gouverneur des Bundestaates Georgia wirklich der neue Star der Demokratischen Partei? Oder ist er nur ein politischer Komet, dessen Glanz plötzlich erstrahlt und ebenso schnell wieder erlischt?

Trotz der Siegesserie bei den Primaries, die er zu Beginn dieser Woche in North Carolina verlängerte, gilt Carters Aufstieg beileibe nicht als unaufhaltsam. Nur er selber scheint keinen Zweifel mehr an seinem Endsieg zu haben. Er setzt auf diese Zuversicht, wenn er mitunter seinem Publikum zuruft: "Wir sehen uns demnächst im Weißen Haus wieder!" Der Weg bis dahin freilich ist noch weit. Und ein halbes Dutzend Konkurrenten aus der Demokratischen Partei ist ebenfalls unterwegs. Doch Jimmy Carter hat von allen bisher die größte Strecke zurückgelegt. Dabei war er bis vor kurzem noch weithin unbekannt.

Die Provinz gilt wenig

Als er seine Kandidatur anmeldete, galt er als nur einer aus dem grauen Heer der Politiker, die sich alle vier Jahre ohne Aussicht auf Erfolg um die Spitzenposition bemühen. Carter war zuvor ein vielgepriesener Gouverneur, aber Lorbeerkränze aus der Provinz gelten nicht wenig, wenn es um das höchste Amt im Staate geht. Beim Start zum Rennen um die Präsidentschaft verschafft gewöhnlich allein der nationale Bekanntheitsgrad den notwendigen Rückenwind: So hievte der Ruhm des Kriegshelden Eisenhower in die Kandidatenposition; der Glanz einer erfolgreichen Familie und die Aura einer neuen Epoche verhalfen John F. Kennedy zu seinen Vorwahltriumphen; und mit der vertrauten Verläßlichkeit eines politischen Markenartikels wurde schließlich Richard Nixon zum Verkaufsschlager bei den Wählern.

Jimmy Carter verfügte über keinen dieser Pluspunkte, als er zum Präsidentschaftskampf antrat. Er war der Mann, der aus dem Dunst kreis des flachen Landes kam. Inzwischen ist sein Name zum Begriff geworden. Doch zum Begriff für was? Das ist das Preisrätsel, an dessen Lösung sich derzeit viele kluge Leute versuchen. Die einflußreichen Kommentatoren der Ostküste nörgeln an Carter herum, weil er nicht auf ihrer Favoritenliste stand. Die Gewerkschaften sind irritiert, weil sie den Demokraten aus dem Süden nicht in ihr Weltbild einordnen können. Die Führer der Demokratischen Partei selber schließlich sind erschrocken, weil plötzlich ein Politiker ohne ihren Segen Furore macht. Nur die, auf die es ankommt, haben sich bisher für ihn entschieden: Wähler aus dem Süden, dem Norden und aus dem Mittleren Westen.