Von Karl-Heinz Janßen

Brave soldiers, brave soldiers", murmelte der britische Premierminister Harold Macmillan, nachdem er, viele Jahre ist es her, die Front des Bonner Wachbataillons abgeschritten hatte. Er meinte prächtige Soldaten, nicht artige. Prächtig und im deutschen Sinne brav steht die Bundeswehr heutzutage, da sie volljährig geworden ist, erst recht da. Nie ist so viel Gutes über unsere Streitkräfte gesagt worden wie in letzter Zeit. Die einzige Dissonanz kam im November vom Wehrbeauftragten des Bundestages, Karl Wilhelm Berkhan, der die Tugend der Bravheit scheinbar in ihr Gegenteil verkehrte: "Die Soldaten der Bundeswehr sind gegenwärtig zum Teil so brav, daß man fast schon erschrocken ist."

Dieses bereits geflügelte Wort ist arg mißverstanden worden, zumal es von einem Manne kam, der sechs Jahre, als Parlamentarischer Staatssekretär im Verteidigungsministerium, auf der Seite der Obrigkeit gestanden hatte. In seinem ersten Jahresbericht hat er nun seine Aussage präzisiert; nicht das Bravsein an sich moniert er, sondern ein Zuviel an Anpassung. Die Soldaten neigten dazu, "berechtigte Klagen und Forderungen – wenn überhaupt – nur allzu zögernd und zurückhaltend vorzutragen".

Was Berkhan im Bericht in einer eher verhüllenden Sprache andeutet, kommt bei ihm im Gespräch viel plastischer heraus. Da hatte sich zum Beispiel ein Panzersoldat beschwert, daß er trotz Überlänge zur Panzertruppe eingezogen worden sei. Er kannte auch noch einige andere Kameraden, die gleichfalls Schwierigkeiten hatten, ihre langen Beine im Panzer unterzubringen. Berkhan bat um Namen und Adressen dieser Soldaten, war dies doch ein Fall, dessen Wiederholung man durch eine entsprechende Weisung an die Musterungsbehörden leicht aus der Welt hätte schaffen können. Aber nun zierten sich einige der Unzufriedenen; sie wollten lieber in der Anonymität bleiben, lieber das körperliche Ungemach auf sich nehmen, als bei ihren Vorgesetzten unangenehm auffallen.

Oder: Bei einem seiner vielen Truppenbesuche, zu denen Berkhan zwar nicht verkleidet wie einst Harun AI-Raschid, aber doch meist unangemeldet wie einst Generalpostmeister von Stephan am Kasernentor erscheint, lud er die Mannschaft zur Aussprache ein. Obwohl ihm aus dieser Einheit mehrere Beschwerden zugegangen waren, rührte sich nicht ein Wort der Kritik.

Nicht nur die Wehrpflichtigen halten sich zurück, auch die Zeitsoldaten: "Sie denken schon am ersten Tag an das Ende der Dienstzeit, wo sie mit ordentlichen Papieren dastehen wollen." Die Gründe liegen auf der Hand: Jugendarbeitslosigkeit, Mangel an Ausbildungsplätzen, Numerus clausus an den Hochschulen. Für manche Freiwilligen ist die Bundeswehr so etwas wie ein sicherer Hafen der Existenz in einer ungewissen Zukunft. Also paßt man sich an, wählt den bequemen Weg des Schweigens, eckt nirgends an, provoziert nicht einmal ein Stirnrunzeln des Vorgesetzten – Verhaltensweisen, wie man sie heutzutage auch auf der Studienstufe der Oberschulen, auf den Universitäten und am Arbeitsplatz finden kann. Die Bundeswehr als ein Spiegelbild der Gesellschaft bildet da keine Ausnahme.

Aber der Wehrbeauftragte will sich damit nicht abfinden. "Unsere Streitkräfte brauchen nicht die Mitläufer und Jasager, sondern eigenverantwortliche Soldaten", Männer, die zwar gehorchen, aber auch mitdenken. Es irritiert ihn einigermaßen, daß Soldaten, Unteroffiziere und Offiziere nicht den Mund aufmachen, obwohl es ihr verbrieftes Recht ist, den Wehrbeauftragten jederzeit anzurufen, obwohl eine Fülle von Wehrgesetzen, Verordnungen, Weisungen, Dienstvorschriften und Leitsätzen die Grundrechte des Soldaten, seine Menschenwürde schützen.