Rom, im März

Raus, hau ab!“ – „Ich gehe schon – aber nur zum Essen“ – „Weg mit den Dieben und Mafiosi, die seit dreißig Jahren die Partei auffressen!“ – Aus Zwischenrufen werden Sprechchöre, für und wider, oft kaum unterscheidbar. „Man hat hier Kommunisten hereingelassen!“ tönt es vom Rednerpult. „Nein, nur unsere Leute sind geladen“, rief Benigno Zaccagnini. „Bitte, liebe Leute, zeigen Sie demokratische Reife.“ Als sie ihn im Morgengrauen des Mittwoch mit nur drei Prozent Stimmenmehrheit zum Generalsekretär der Democrazia Cristiana wiederwählten, hatte er gerade einen physischen Zusammenbruch hinter sich.

Das politische Sechstagerennen im Sportpalast von Rom schien am Ende keinen strahlenden Sieger übrigzulassen. Das Bild, das die Arena bot, erinnerte eher an altrömische Zirkus-Szenen. Freilich, nicht nur die „Gladiatoren“, die da teils mit bußfertiger Sterbensmiene, teils mit überlebens-entschlossener Heldenpose auftraten, auch die „Löwen“, die, nach Sündenböcken lechzend, von den Rängen brüllten –, alle waren Christen. Es war der Versuch der Christdemokraten Italiens, durch einen Partei-Kongreß sich und dem Lande Rechenschaft abzulegen, eine Antwort zu geben auf bange Fragen.

Keine Übergabe

Ein Höhepunkt der Krise Italiens war gerade am Vorabend dieses Parteitags der „Democrazia Cristiana“ (DC) erreicht worden. Aldo Moro, Chef einer labilen DC-Regierung ohne echte parlamentarische Mehrheit, hatte in der Nacht zum 18. März die Führer aller „Verfassungsparteien“ – wie es hieß –, also auch zum erstenmal den Kommunisten Berlinguer, zu sich gerufen, um dramatische Notstandsdekrete gegen den Verfall der Lira von allen absegnen zu lassen. Die einschneidendste Maßnahme, die Erhöhung des Diskontsatzes von vier auf zwölf Prozent, verschwieg Moro allerdings dem KPI-Boß. Etwa nur, weil der Entschluß zu diesem Schritt im letzten Augenblick fiel – oder aus Furcht, die Kommunisten allzu weit ins Vertrauen, in die Sphäre der Entscheidung zu ziehen?

„Wir sind keine belagerte Festung, die schon an Übergabe denkt“, versicherte Moro gleich darauf dem DC-Kongreß. Zugleich bescheinigte er aber den Kommunisten, sie seien eine „tief in der italienischen Wirklichkeit verwurzelte Volkskraft“, mit der ein „ernstes, strenges und respektvolles Kräftemessen“, ein „Confronto“, notwendig, jedoch auch ausreichend sei. Es war diese vorsichtige, abgrenzende, doch auch halboffene „Confronto“-Formel, auf die Parteichef Zaccagnini den Kongreß von Anfang an einzuschwören versuchte – allerdings mit zweifelhaftem Erfolg. Gewiß, Zaccagnini sicherte sich mit seinem wohlabgewogenen Eröffnungsreferat Jubelstürme; aber sie galten, wohl mehr der integren, asketisch angehauchten Persönlichkeit dieses stillen Kinderarztes (den sich die Partei letzten Sommer, im Augenblick ihrer schwersten Wahlniederlage, wie einen Säulenheiligen verordnet hatte). Seiner politischen Linie folgte, wie sich in der Nacht zum Mittwoch herausstellte, fast die Hälfte des Kongresses nur widerstrebend.

Zaccagnini lehnte zwar ganz entschieden das kommunistische Anerbieten eines „historischen Kompromisses“ ab – sowohl in der Form einer Regierungskoalition wie als Mehrheitsbeteiligung: in diesem Punkt gab es keinen einzigen Redner, der ihm nicht gefolgt wäre. Auch zog Zaccagnini zu den Kommunisten Italiens, denen er eine ehrliche, „tiefe Revision“ ihrer Linie unterstellte, einen philosophischen Trennungsstrich; „Die Frage der Diktatur des Proletariats ist nicht wirklich gelöst, solange man nicht die Bedeutung und den Endzweck neu diskutiert, auf den Marxens These von der klassenlosen Gesellschaft gerichtet ist. Auch für den, der den Beitrag der marxistischen Arbeiterbewegung zur Befreiung der Menschen von Ausbeutung nicht in Frage stellen will, bleibt ein großes Fragezeichen beim Verhältnis von Demokratie und Sozialismus offen ...“