Von Rolf Zundel

Bonn, im März

Diszipliniert, höflich und in unabänderlicher Linientreue präsentierten sich die Delegierten des Bonner DKP-Parteitags; man könnte auch sagen: in perfekter Langeweile. Die der Öffentlichkeit dargebotene Außenseite der Partei schien undurchdringlich: In der üblichen, mehrstündigen Programmliturgie des alten und neuen Vorsitzenden Herbert Mies kaum eine Spur alter Schwierigkeiten oder neuer Strategien. In den Wahlen, Diskussionen und in den monotonen Beifallsorgien nichts von dem, was Journalisten bei allen anderen Organisationen der Bundesrepublik, die sich Partei nennen, immer wieder finden: Ärger, Streit, Pannen; Siege und Niederlagen.

Und trotzdem konnte ein Delegierter behaupten, in der DKP herrsche mehr Demokratie als in allen Parteien zusammengenommen. Komisch oder gar perfide? Vorstandswahlen, die unter Ausschluß der Öffentlichkeit stattfinden und bei denen ein Ergebnis von 623 positiven bei 627 abgegebenen Stimmen schon die äußerste Grenze der Mißbilligung darstellt – kann das mit rechten Dingen zugegangen sein?

Oder was soll man sich dabei denken, wenn zu all den Anträgen, die in eine’m Buch von 274 Seiten vor dem Parteitag veröffentlicht worden sind, sich nur ein einziger Genosse zu Wort meldet und zu allem Überfluß auch noch Selbstkritik übt? Seine Kreisdelegiertenkonferenz hatte gefordert, die Parteizeitung „UZ“ sollte bei den Leserbriefen bevorzugt kritische Stimmen abdrucken. Jetzt bekannte er, dieser Antrag sei noch nicht genügend durchdacht gewesen; es gelte ja, dem wissenschaftlichen Sozialismus, der Antwort auf die Grundfragen der Menschheit gefunden habe, den Weg zu bereiten. Die Antragsteller hätten zuwenig berücksichtigt, daß bei einer Öffnung der Leserbriefspalten für die Kritiker „die Prediger des Antikommunismus ihre Kloaken bei uns abladen“. Ein Besuch in der Redaktion der „UZ“ habe sich als sehr nützlich erwiesen; jedenfalls unterstütze er die Neufassung des Antrags durch den Parteivorstand.

Fast unnötig zu sagen, daß alle Anträge einstimmig gebilligt wurden. Kein einziger Delegierter fand je Anlaß zum Widerspruch, zur Klage oder zur Korrektur; alle variierten die Themen und Losungen des Vorstandsberichts, alle Beiträge Waren Einübung in die Parteilinie und Verdeutlichung. Alle Reden und alle Präsentationen von Gästen wurden in eine dicke Kruste des Beifalls eingebacken; sogar noch das „Guten Morgen“ des Versammlungsleiters wurde beklatscht und schmeckte nach Politik.

So viel Disziplin hat noch keine andere Partei der Bundesrepublik vorgeführt. Gemessen an den Delegierten der DKP, die selbst beim unwichtigsten Diskussionsbeitrag in der schläfrigsten Nachmittagszeit vollzählig und mit freundlicher Aufmerksamkeit an ihrem Platz ausharrten, wirken sogar Sozialdemokraten wie Chaoten.