Rock liegt vielen Leuten, die unterhaltende Musik machen, wie ein Wackerstein im Magen. Das einzige, was ihnen davon in Fleisch und Blut überging, ist ausgerechnet etwas für andere Musikarten Giftiges: die Lautstärke. Das jüngste Beispiel dafür, wie Musik mit Elektronik umgebracht werden kann, gab vorige Woche der Belgier Adamo in Hamburg; ein Beispiel dafür, wie dieses fast unerschöpfliche Hilfsmittel zusammen mit einem raffinierten Bühnenarrangement eine Unterhaltungs-Show überhaupt erst zur Vollendung bringen kann, vollführte gerade in London die Amerikanerin Diana Ross, vielen bekannt noch als Prinzipalin der Supremes. Beide Sänger machen zur Zeit mit Tourneen durch die Bundesrepublik von sich reden.

Man weiß von Adamo, daß ihm das Übersetzer-Bündnis mit dem Kabarett-Poeten Eckart Hachfeld dabei geholfen hat, vom morastischen Boden des Schlagers aus Halt zu finden an den etwas kräftigeren Gestaden des Chansons. Auf Schallplatten gelingt ihm das schon ganz gut, in öffentlichen Konzerten jedoch geht er mit seinen Liedern bemerkenswert liederlich um: Er vergröbert, was eigentlich fein gearbeitet war.

Man erkennt aber gleich, daß das die unmittelbare Folge seines gedankenlosen Umgangs mit elektronischen Verstärkern ist, deren gewaltige schwarze Boxen ihn auf der Bühne umgeben. Sie donnern seine schwache Klang Stimme in den Saal, sie verzerren den Klang seiner Band ins ungewollte Groteske, sie vernichten vor allem viele muskalische Einzelheiten in einem Durcheinander akustischer Übertreibungen.

Es ist so laut, daß man nichts mehr hört. Nicht nur tun einem die Ohren weh, man langweilt sich auch, weil der Reiz der unmittelbaren Begegnung zwischen Show-Star und Publikum unter dem Gedröhn verschwindet. Zur Zeit hieße die Alternative für das Publikum, das diesen Star mit seinem an kein Alter gebundenen Jungencharme offenbar sehr gern hat, nur: nach Hause zu gehen und seine vorletzte Platte aufzulegen. Nur so ist es möglich zu verstehen, was er singt, und die dazugehörenden Nuancen seiner musikalischen Erfindungen wahrzunehmen.

Besonders aber sind es Jazzmusiker, denen bei ihren Fraternisierungsversuchen mit dem Rock vor allem die Lautstärke im Ohr geblieben ist – ein oft verhängnisvolles Rudiment. Rockmusik will mit ihren peitschenden Passagen und ihren gewaltig dröhnenden Bässen nicht zuletzt körperlich empfunden, buchstäblich auf der Haut vibrierend gespürt werden, bis zur schmerzlichen Überdosis. Rock ist Oberflächenmusik; Jazz hingegen soll nicht auf, sondern unter die Haut gehen, etwas, das nur über den Verstand möglich ist.

Deshalb ist es einigermaßen absurd zu sehen, wie ein hervorragender Bassist sich anscheinend virtuos an seinem Instrument beschäftigt, aber frustrierend zu bemerken, daß man keinen Ton davon identifizieren kann, weil sie im Lärm untergehen – geschehen bei einem Konzert der Gruppe Passport. Es ist peinlich zu beobachten, wie eine Jazz-Sängerin wie Sarah Vaughan erst flehentlich „zu laut, viel zu laut“ in den Saal klagen muß, ehe der Mann am Schaltpult sie der Kraft ihrer Stimme überläßt und der Kraft ihrer Sensibilität: Die Verstärker waren nicht nur unnötig, sondern störend.

Wie man aber, umgekehrt, aus Lautsprechern Funken schlagen kann, wie man mit einem mächtigen elektronischen Apparat nicht nur einer Show keine Gewalt antut, sondern sie überhaupt erst zur Vollendung bringt, wie man obendrein Filmszenen einblendet und ein Feuerwerk von Scheinwerferfarben dazumischt und alles nach einem sehr überlegten dramaturgischen Konzept zueinander und sogar ineinander fügt – das zeigte am Sonnabend Diana Ross in London. Sie begann dort ihre Europa-Tournee, die sie am 7., 8. und 10. April auch nach Hamburg, Frankfurt und München bringen wird.