Von Helga Einsele

Angelika Mechtel: „Ein Plädoyer für uns. Frauen und Mütter von Strafgefangenen berichten“; Verlag R.S.Schulz, Percha am Starnberger See 1975; 303 S., 25,– DM.

Ein zunächst scheinbar harmloses, jedoch ein wichtiges Buch. Wie denn sonst käme ein „normal“ lebender Bürger an das heran, was sich in Leben und Seele von Menschen abspielt, die nicht „normal“ leben oder die solchen Menschen eng verbunden sind?

Kaum je kann ein „Betroffener“ abstrakt schlüssig von dem berichten, was mit ihm geschieht, vom äußeren Ablauf seines Tages und von der inneren Verzweiflung, Einsamkeit, Hoffnung, Sehnsucht und vom langsam wachsenden Haß auf eine Welt, die „strafend“ abschreibt und damit gute Ansätze zerstört, die man in einem heillosen Leben noch erhalten hat. Denn dieser Haß macht Kommunikation mit denen unmöglich, die einen selbst, die Bruder, Vater und Sohn einsperren; er richtet sich auch gegen den „Mißratenen“, der sich einsperren lassen muß, statt für die Familie zu sorgen; und er unterbricht die Verbindung zu jenen, die, oft selbst versagend, sich um so mehr gegen den Verurteilten und seine Familie abschirmen, je gefährdeter sie selber sind.

Da sind die von Gott Verlassenen, die sogar die Kinder Verurteilter aus ihrem Kreise ausschließen und sie zwingen, sich in Lügen zu verbergen, die die Familien aus Wohnungen und Arbeitsstellen weisen oder auch nur neugierig-„mitleidig“ die Distanz durchbrechen, die jeder Unglückliche um sein Elend ziehen möchte, die Gelegenheit wahrnehmend, moralische Zeigefinger zu erheben, gute Ratschläge zu erteilen, kurz, dem anderen zu Leibe zu rücken.

Davon handelt dieses Buch. Doch es spricht nicht in theoretischen Erörterungen, sondern unmittelbar durch die Betroffenen, so direkt und dicht, wie nur die spontane Äußerung an solche Wirklichkeit heranführt. Auch die jeweiligen Kurzeinführungen der Verfasserin beschreiben die Lage der Inhaftierten und ihrer Angehörigen differenziert, schlüssig beobachtend und engagiert, sowohl die materiell-faktische wie die innerseelische Situation, die der Leidenden und Mitleidenden wie auch die der Abrückenden, Aufgebenden, Verbitterten und Egozentrischen.

Die Mängel der Vollzugsgestaltung werden dort wie aus den Selbstzeugnissen deutlich und fordern nach Reform, Veränderung der allgemeinen, unmenschlichen gesellschaftlichen Situation wie auch der Vollzugspraxis: Beseitigung konkreter Hindernisse, menschliche Beziehungen aufrechtzuerhalten, wie Änderung von Brief- und Besuchspraxis, der Beaufsichtigung beim Besuch, des freudlosen Stiles, der zu teuren Reisen zu den kurzen und zu seltenen Besuchen, der unerwünschten Eingriffe, wenn sich Beziehungen vorsichtig, ungesteuert entwickeln sollten, der Beschränkung des Besucherkreises und überhaupt der dem Vollzug noch immer eigenen Neigung, alles zu reglementieren, sei es aus Mangel an Einfühlungsvermögen oder nur aus Perfektionismus.