Von Benjamin Henrichs

Noble Abgänge sind seine Sache nicht. Als Rainer Werner Fassbinder vor drei Jahren nach nur kurzer Zusammenarbeit das Bochumer Schauspielhaus verließ, inszenierte er zum Abschied eine höhnische Revue. Heinrich Manns Stück "Bibi" wurde mit Brachialgewalt und Wu: und Witz in eine Anti-Zadek-Show verwandelt – in eine grelle Persiflage des Bochumer "Volkstheater"-Stils.

Anderthalb Jahre später wurde Fassbinder selber Theaterleiter, am Frankfurter Theater am Turm (TAT). Auch diese Arbeit fand bald ein ruhmloses Ende; nach nur einem Jahr Wirken und Wüten hinterließ Fassbinder ein nahezu ruiniertes Theater und ein zerfallenes Ensemble. Und auch der Stadt Frankfurt überreichte er mit einiger Verspätung ein überraschendes Abschiedspräsent: das Stück "Der Müll, die Stadt und der Tod", während der TAT-Zeit ergebnislos probiert, jetzt in der edition suhrkamp (Band 803) veröffentlicht – ein Stück, an das sich aller Voraussicht nach keine subventionierte Bühne heranwagen wird. Und das nicht nur, weil Joachim Fest das Stück in der "Frankfurter Allgemeinen’ vom 19. März in einer journalistischen Blitzreaktion als faschistisches, antisemitisches Machwerk qualifiziert hat?

Ein pornographisches Weihespiel

Die erste Szene des Stücks spielt "auf dem Mond, weil er so unbewohnbar ist wie die Erde, speziell die Städte" – die Szenenanweisung zitiert den Titel eines Romans von Gerhard Zwerenz ("Die Erde ist unbewohnbar wie der Mond"), dem das Stück Idee und viele Motive verdankt. (Fassbinders Projekt, den Zwerenz-Roman zu verfilmen, ist, wie man weiß, vorerst am Widerstand der Filmförderungsanstalt gescheitert.) Auf dem Mond stehen ein paar Huren herum, warten auf Kundschaft und deklamieren feierlich Texte über so erhabene Probleme wie "Gott" und "die Seele". Ihr Dialog beschäftigt sich dann auch mit profaneren Objekten: mit dem Volumen und der Leistungskraft männlicher Sexualorgane. Pathetisches steht neben Pornographischem, inmitten von Unrat und Unflat ertönt ein seltsamer Oberammergau-Ton. Fassbinders Stück ist Blasphemie und Weihespiel, etwas ganz-Schmutziges und dennoch Sakrales – aber leider führt dieser für die Poesie ja nicht neue Widerspruch den deutschen Dichter nicht in Genetsche Höhen und Abgründe. Fassbinder führt eine Sprache vor, die immer trivial bleibt, zum Weltgeraune überhöht ("Keiner ist wie er ist. Jeder ist anders".) oder zu Zoten erniedrigt.

In Fassbinders schmuddelig-sentimentale Unterwelt tritt nun eine Figur aus der Oberwelt: der "reiche Jude". Seine Philosophie ist nüchterner als die der Huren und Zuhälter: "Die Städte sind kalt, und die Menschen darin frieren zu Recht." Der reiche Jude kauft alte Häuser, läßt sie einreißen und baut dann neue, lukrativere – ein skrupelloser Bauspekulant, der seine Macht und seine Bosheit mit kalter Lust genießt. Außerdem ist er fett und geil und häßlich und hat einen "Schwanz, dick wie eine Bierflasche" – Fassbinders Figurenbeschreibung verzerrt ihn zum Monster. Eine von jenen Überhöhungen, die im Grunde dämonische Verharmlosungen sind: aus Huren macht Fassbinder Todesengel, aus einem gefährlichen Kapitalisten einen Theaterschurken.

Fassbinders Verhältnis zu seinen Figuren ist ein ausbeuterisches, zuhälterisches; ihn interessieren nur der sentimentale oder der obszöne Effekt, nur Feierlichkeit und Brutalität, Pathos und pathetisches Antipathos. Die Realität von Figuren interessiert den Dichter nicht. Er fällt vor seinen Geschöpfen gerührt auf die Knie oder gibt ihnen einen Tritt – humanere Umgangsformen sind ihm fremd. Das Resultat ist ein Stück durchaus widerwärtiger Theaterliteratur. Sicher kein vorsätzlich antisemitisches Stück, wohl aber eines, dessen Grobschlächtigkeit (und grobschlächtige Empfindsamkeit) ein Beitrag ist zur Verrohung theatralischer und menschlicher Umgangsformen. Kein faschistisches Stück (dazu fehlen ihm ideologischer Vorsatz und Konsequenz), wohl aber eines, in dem sich Faschisten wohlfühlen könnten. "Ich hatte doch nichts außer dir und deinen Schlägen, die mich wachgemacht haben", sagt die Hure Roma B. zu ihrem Ehemann und Zuhälter Franz. So wird das Recht der Gewalt, das Recht, sich die Schnauze und den Schädel einzuschlagen, mit erotischen Vokabeln glorifiziert. Daß Gewalt schön ist, sinnlich macht – es ist zweifellos ein faschistischer Zug an diesem Stück.

Joachim Fest, der gegen den Text sofort nach dessen Erscheinen polemisiert hat, mußte zweierlei zugestehen: daß es in Frankfurt am Main "ein organisiertes Ganoventum jüdischer Herkunft" gibt; und daß es inzwischen selbstverständlich denkbar ist, "ein Stück mit einer jüdischen Negativfigur zu schreiben". Und Fest hat festgestellt, daß Fassbinders "billige, von ordinären Klischees inspirierte Hetze" diese Möglichkeit fatal verspielt hat. Doch die Argumentation geht noch weiter. "Reicher Jude von links" hat Fest seine Attacke überschrieben, und ein Musterbeispiel für linken Faschismus, linken Antisemitismus ist ihm Fassbinders Stück. Hier nun muß Protest eingelegt werden.

Liebe ist kälter als der Tod

"Rainer Werner Fassbinder ... auch als fortschrittlich geltend" – mit einer so vagen, pflaumenweichen Formulierung eröffnet Fest seinen Angriff. Was er irgendwo gehört hat, als Gerücht weitergibt, wird zum entscheidenden Glied in seiner Argumentation. Schlimm schon die Methode, mit Klischees und Gerüchten zu hantieren, schlimmer, daß es auch noch falsche Gerüchte sind. Denn Rainer Werner Fassbinder gilt für vieles: Für ein Genie halten ihn die einen, für einen Scharlatan die anderen. Für "fortschrittlich" aber oder "links" (was immer das genau sein mag) hält ihn niemand, der seine Arbeiten auch nur flüchtig kennt. Fortschrittlich hieße ja wohl: an irgendeinen Fortschritt glaubend, für irgendeinen Fortschritt kämpfend (die Mittel dieses Kampfes könnten natürlich faschistische sein). Fassbinders Philosophie aber ist nicht progressiv, sondern statisch – ihre einzige Bewegung ist die hin auf den Tod. Fassbinders Stücke sind (betrachtet man sie einmal nur als ideologische Produkte) Kundgebungen eines sentimentalen Fatalismus; Klagen darüber, daß die Erde so unbewohnbar ist wie der Mond, und daß es wahre Liebe unter den Menschen nicht gibt. Fassbinders Arbeiten sind konsequent fortschrittsungläubig. "Liebe ist kälter als der Tod" hieß sein erster Film, könnten alle seine Filme und Theaterstücke heißen, auch "Der Müll, die Stadt und der Tod". "Liebe ist kälter als der Tod": so hat noch nie ein sozialistisches Manifest begonnen.

Das Entsetzen vor den Großstädten, die haßerfüllte Beschreibung eines Kapitalisten: zweifellos verarbeitet Fassbinders Stück Impressionen und Emotionen, wie sie auch Linke haben. Und nicht nur Linke. Das Erschrecken über die Zerstörung unserer Städte und die Wut über diejenigen, die mit dieser Zerstörung ihr Geschäft machen, findet man genauso bei Liberalen, Christen, Konservativen. Wichtig ist allein, wen Fassbinder für das Elend verantwortlich macht. Keinesfalls ein soziales System, keinesfalls den Kapitalismus. Schuld ist etwas sehr Allgemeines: der Zustand der Welt. Schuld ist auch der liebe, böse Gott (wieder kein sehr linkes Argument). Daß die Götter im Anblick des leidenden Menschen onanieren, ist eines von Fassbinders blasphemischen, aus der Angst geborenen Bildern. Angst macht kindisch, kitschig – man sollte sie deshalb nicht für verlogen halten. Ein Aufschrei-Drama, ein poetischer Amoklauf ist dieses Stück; linke Literatur ist es nicht.

Gewiß wären solche Zusammenhänge dem analytischen Scharfsinn von Joachim Fest nicht verborgen geblieben, hätte er sich eine Weile nachdenkend mit Fassbinder beschäftigt, hätte ihn nicht der journalistische Ehrgeiz überfallen, der erste zu sein, der sich öffentlich entrüstet.

Der Leichtfertigkeit, mit der Fest Fassbinder zum Linken kürt, entspricht der schlampige, vorsätzlich oder fahrlässig demagogische Umgang mit der Vokabel "links". Von antisemitischen Strömungen in der bundesdeutschen "linken Szene" raunt Fest – und unterläßt jede nähere Definition, was (und wen) er mit "linker Szene" meint. Zur "linken Szene" gehören ja zum Beispiel auch Heinrich Böll und Klaus Staeck, Peter Schneider und Alfred Andersch, die "Frankfurter Rundschau" und die "Rote Rübe". Wer, bitte, ist da ein Antisemit? Zweifellos gibt es irgendwo auf der unüberschaubaren "linken Szene" ein paar verwirrte Figuren, deren antiisraelische, antizionistische Argumente durchsetzt sind von antisemitischen Affekten. Ein Rechter, der ein Denker sein will, der so souverän von linkem Faschismus, linkem Antisemitismus redet, müßte dann aber wenigstens bekanntgeben, wen seine Wut meint und wen nicht. Sonst wird, was als um Toleranz und Freiheit besorgte Analyse daherkommt, zur pauschalen Diffamierung, zum publizistischen Tiefschlag.

Jetzt haben wir also in unserer neuerdings etwas lebhafter gewordenen Kulturdebatte wieder einen "Fall", zwei Fälle sogar: einen Fall Fassbinder und einen Fall Fest. Vorerst eine Geschichte der Blamagen: Ein hochbegabter Autor hat sich als Stückeschreiber, ein hochintelligenter Historiker hat sich als politischer Polemiker blamiert. Warum laufen die Herren Amok?