Über die Mattscheibe schimpfen die meisten: zu viele Sendungen werden wiederholt; seichte Unterhaltung ist Trumpf, handfeste Information dagegen Mangelware; der weiße Riese Ausgewogenheit zwingt noch die letzte Farbe raus und immer mehr Grautöne rein – kurz: Nie war Fernsehen langweiliger als heute.

In den beiden letzten Wochen habe ich an zehn Tagen über 50 Stunden vor dem Bildschirm gesessen und 54 Sendungen der ARD und des ZDF gesehen, als Mitglied einer 25köpfigen Jury, die in Marl im Ruhrgebiet den Adolf-Grimme-Preis für Fernsehproduktionen des Jahres 1975 verlieh. Diese Auszeichnungen sind nach dem ersten Generaldirektor des Nordwestdeutschen Rundfunks benannt, gelten in den Funkhäusern als der angesehenste und deshalb begehrteste Fernsehpreis überhaupt und werden seit 1964 vom Deutschen Volkshochschulverband vergeben.

Prämiiert wurden diesmal die Lebensbeschreibungen aus einem Frankfurter Bürgerhaus (Eberhard Fechner), eine Reportage über Brasilien („Iracema“), eine Talk-Show „III nach neun“, Dieter Hildebrandts Kabarett „Notizen aus der Provinz“, der Bericht über die Bürgerinitiative gegen das Atomkraftwerk in Wyhl („Vor Ort“); dazu noch wie alljährlich der Sonderpreis des nordrhein-westfälischen Kultusministers (für Fechners „Tadelloser & Wolff“ nach Kempowskis Roman) und des Stifterverbands für die Deutsche Wissenschaft (für den Report über eine klinische Intensivstation).

Ich halte alle diese Sendungen für eindeutig überdurchschnittlich und für preiswürdig. Sie sind zum Teil außerordentlich genau recherchiert und vorbildlich photographiert; zurückhaltend im Kommentar, aber umfassend in den Fakten; sie stellen gelungene Experimente mit neuen Formen dar, vermitteln Anschauung für eigene Meinungen und sind zugleich unterhaltsam; sie informieren über wichtige zeitgeschichtliche und aktuelle politische Probleme und leisten damit einen Beitrag zur Aufklärung der Bürger. Da unter den nicht prämiierten Filmen ebenfalls noch viele hervorragende waren (auch aus dem Bereich der Kunst wie „Salome“, „Der Stechlin“ oder „Carmina Burana“), fiel das Urteil der Juroren, die diese Preisauswahl schon seit mehreren Jahren mitmachen und deshalb vergleichen können, fast einstimmig aus: Nie war das Angebot in Marl so qualifiziert wie diesmal.

Natürlich fehlten die beliebten Massensendungen. Weder „Was bin ich?“ noch „Dalli, dalli“ gab es zu sehen, nicht Peter Alexander oder Heino, keinen Western und keinen Krimi und leider auch kein Beispiel aus Wirtschaft und Politik. Gezeigt wurde mithin eine für das Fernsehen insgesamt durchaus nicht repräsentative Auswahl. Der Bildschirm-Alltag sieht also gewiß anders, und sehr viel trister aus als vor den Monitoren in Marl; deshalb wird er auch meistens zu Recht kritisiert.

Für mich persönlich relativiert sich diese Kritik jedoch, nachdem ich das Spitzenangebot aus dem letzten Jahr derart komprimiert gesehen habe. Darunter gab es Beiträge von solcher Qualität, daß mir für sie der Begriff Fernseh-Kultur durchaus angemessen erscheint. Es sind originäre TV-Produktionen, so spezifisch gedacht und gemacht, daß sie nur diesem Medium adäquat sind und seine Gesetze und Möglichkeiten erfüllen und ausschöpfen.

Von ihnen hat die Jury nur einige auszeichnen können; sie hat sich dabei fast ausschließlich für den Bereich der aktuellen unterhaltenden Aufklärung entschieden. Dies Votum interpretiere ich zum einen als den Versuch, die Information und Meinungsbildung als eine der wichtigsten Aufgaben des Fernsehens zu betonen; zum anderen als eine Ermutigung, gerade das Ungewöhnliche zu wagen. Deshalb ist der diesjährige Grimme-Preis auch ein Plädoyer für mehr Fernsehfreiheit.

Hayo Matthiesen