München

Daß in Bayern die Uhren anders gehen – zu dieser Erkenntnis verhalf bundesweit der SPD-Vorsitzende Willy Brandt. Doch daß es im Freistaat auch noch mit dem Kalender so eine Sache ist, das wissen eigentlich nur die Einheimischen. Hierzulande und vor allem in München gibt es nämlich nicht nur vier, sondern fünf Jahreszeiten. Und diese „fünfte“ ist gerade angebrochen: Starkbierzeit ist’s.

Zu Josefi, dem Namenstag zahlloser Bayern wird das schwarzbraune Gebräu angezapft. Es ist der Beginn der Fastenzeit, und der Fasching ist gerade so lange vorbei, daß man sich schon wieder einmal einen „andudeln“ kann. Die Prominenz vor allem hat dann lange genug Zeit gehabt, um sich beim Skifahren oder sonstwo zu erholen. Sie ist wieder fit fürs Freibier.

Einem Festakt gleicht alljährlich der Anstich bei der „Paulaner Thomas Brauerei“. Wobei sich zur münchnerischen Prominenz nur zählen kann, wer für würdig befunden wird, zum Beginn der „Frühjahrskur“ eine der vierhundert Einladungen zu erhalten. Heuer soll sogar Wilhelm Neudecker, der sonst so gewaltige Präsident der „Bayern“, von der Einladungsliste gestrichen und deshalb auch recht erbost gewesen sein. Und für alle, die den „Paulaner“-Vorstands-Vorsitzenden Rudolf Schessl in den Tagen vor dem Probetrunk um Einladungen angehen, gilt die Erkenntnis: Der Bayerische Verdienstorden ist leichter zu bekommen als eine Karte zum Salvatorausschank. Auf dem Nockherberg, dort, im Westen Münchens auf Giesings Höhen wo der „Salvatorkeller“ liegt, sind schon eine Stunde vor dem offiziellen Beginn die Plätze belegt. Und während ein Quartett zünftige bayerische Weisen aufspielt, zutzeln die Ehrengäste lautstark an den Weißwürsten, die traditionsgemäß als Vorspeise serviert werden. Der Salvator – das Starkbier – enthält um ein Drittel mehr Alkohol als normales bayerisches Bier reicht meist schon nach den ersten Schlucken aus, um sonst recht steife Nachbarn einander näherkommen zu lassen. Und die bayerische Staatsregierung – so komplett wie beim Salvatoranstich ist sie kaum jemals bei Parlamentssitzungen vertreten – mußte sich Bitteres und Wahres vom Podium herab anhören.

Rundfunkjournalist Emil Vierlinger las den Politikern die Leviten und „derbleckte“ (verspottete) sie. In der bierseligen Stimmung, die Luft vom Rauch geschwängert, wurden seine Spitzen und Bosheiten unfehlbar von lautem Jubel quittiert. So, als er Bayerns Umweltminister Max Streibl karikierte: „Er sieht aus wie der junge Schmied von Kochel, der gerade vom Friseur kommt.“ Bundeswirtschaftsminister Hans Friderichs wurde vorgestellt: „Der schaut seit einiger Zeit aus, wie ein Religionslehrer, der aus lauter Verzweiflung Mathematikunterricht gibt.“ Und natürlich wird bei solchen Festivitäten auch der Seitenhieb auf die preußischen Brüder nicht vergessen: „Die Preußen fühlen sich bekanntlich aller Welt überlegen, wir Bayern uns nur den Preußen.“ Und die Gäste klatschen vor Freude auf die Schenkel, wenn festgestellt wird: „Was ist schon eine Landtagssitzung? Der Triumph des Hinterns über den Kopf.“

Bei manchem Politiker zucken die Gesichtsmuskeln nervös, bevor er sich zum Lachen entschließt. Aber letzten Endes – wer hier am Nockherberg ausgelacht wird, darf sich immerhin zur anerkannten politischen Prominenz rechnen. L. M. T.