ARD, Sonnabend, 20. März: „Je später der Abend“, mit Reinhard Münchenhagen

Er beginnt wie Günter Gaus, fährt fort wie Karin von Faber und macht am Ende Scherze im Stil von Big Wim: Reinhard Münchenhagen kann alles. Dem Politiker kommt er als Herr von Welt, dem Filmemacher als Kumpel (schon sein Vokabular zeigt an: Ich begebe mich jetzt vom Parlament ins Diskothekenmilieu), dem Schauspieler begegnet er als Kollege vom Bau: „Wir zwei, was Mario, wir wissen Bescheid, wie?“

Münchenhagen, dein Freund und dein Helfer. Ein Imageförderer, wie er im Buch steht: scheinbar objektiv und kühl, in Wahrheit ein Partner der Prominenten. (Devise: Auch ich habe Sorgen mit dem Bild, das die Öffentlichkeit von mir entwirft.) In der Tat, hier fehlt es an allem, was ein Gespräch interessant machen könnte – am Widerpart, an kritischer Distanz, am eigenen Standpunkt. Münchenhagen formuliert im Stil von „Wie hätten Sie’s gern?“ und nicht im Sinn von „Ich will wissen, wer Sie sind“. Seine Partner mögen sagen, was ihnen gefällt: Er fragt nicht nach, er stellt sie nicht, er bringt die Wahrheit nicht ans Licht.

Wenn der Ministerpräsident Albrecht (ein Mann, der, mit Fassbinder verglichen, an diesem Abend als ein Ausbund von linksliberaler Gesinnung erschien) Sozialismus und Kollektivismus miteinander identifiziert, dann ist Münchenhagen nicht in der Lage, dem Politiker deutlich zu machen, daß das, was hier als christdemokratisch vorgeführt wird, das Ausgehen vom Individuum in seiner Konkretheit, seiner Gesellschaftlichkeit und seinem Anspruch auf maximale Selbsterfüllung ein Theorem von Karl Marx ist. Zwei Sätze aus den Marxschen Hegel-Kritiken – und der Befragte hätte zeigen müssen, ob er bei seinen Lehrern Gerhard Krüger und Karl Jaspers aufgepaßt hat. Bei Jaspers, dem gnadenlosen Kritiker des CDU-Regiments: Was sagt Albrecht zu den Thesen seines akademischen Meisters, den präfaschistischen Status der Bundesrepublik Deutschland betreffend?

Und dann Mario Adorf! Welche Chance, den Mimen danach zu fragen, wie er sich nun eigentlich stelle zu den im „Katharina-Blum“-Film vorgeführten Problemen und auf welcher Seite er stehe beim Kampf zwischen Katharina und der Staatsgewalt – auf Seiten der Opfer oder auf seiten der „Bild“-Ideologen?

Und schließlich – er vor allem – Rainer Werner Fassbinder. Wieviel Zündstoff war da gehäuft: Zwei Tage zuvor hatte Joachim Fest in der „Frankfurter Allgemeinen“, das offensichtlich von antisemitischen Aussagen strotzende Stück „Der Müll, die Stadt und der Tod“ interpretierend, Fassbinder des Linksfaschismus geziehen. Was sagt der Inkriminierte dazu? Wie verteidigt er sich? Ein Linker, so viel wurde wiederum deutlich, ist er gewiß nicht. Mehr als ein verächtliches Fingerschnippen und ein süffisantes „Mein Gott“ hat Fassbinder für seine vermeintlichen Gesinnungsgenossen nicht übrig. (Ernst Albrecht lächelte freundlich dazu.) Also ein Faschist von der gewöhnlichen Sorte: ein Mann, der – anno ’76! – einen „reichen Juden“, in seiner Bilderbuch-Geilheit, zum „Stürmer“-Archetypus macht? Oder was sonst?

Darüber wäre zu sprechen gewesen an diesem Abend: über den Antisemitismus im allgemeinen und insonderheit über den Antisemitismus einer (fiktiven) Linken, der in unseren Tagen dazu benutzt wird, um dem Antisemitismus einer (höchst realen) Rechten ein gutes Gewissen zu geben. Philosemitismus als Ideologie der Rassisten: Alle Juden sind gut; jüdische Schurken müssen, um in Literatur und Publizistik auftauchen zu können, vorher avisiert werden. Philosemitismus als Alibi: dienlich, wenn es gilt, gegen die neuen Juden, die Roten und die Gastarbeiter, die Systemüberwinder und Heilslehrer, wie man sie nennt, vom Leder zu ziehen.