Von Wolfgang Ebert

Merk dir ihre Nummer... 34!“ sagte Tom beschwörend und netzte seine Lippen. Aber dann hörte er die Schritte seiner Frau, die das Abendessen hereinbrachte, und fuhr fort: „... also ich finde einen Film wie Nashville ziemlich überschätzt“, wobei er sich bemühte, ihre Blicke zu ignorieren.

Ich hatte Tom aufgesucht, um von ihm als Thailand-Kenner ein paar Tips für meinen ersten Bangkok-Trip mit auf die Reise zu bekommen. Dabei fiel natürlich auch das Stichwort: Massagesalon. Tom zeigte sich als Kenner dieses Metiers und hatte mir darum Nr. 34 warm ans Herz gelegt. Ich sollte Nr. 34 nur von „Tommy“ grüßen, dann würde sie mich sicher besonders liebevoll behandeln.

Nr. 34 arbeitete im Massagesalon „La Costa“, der, laut Tom, nicht zu den schäbigen Nepp-Massagesalons für Chartertouristen gehörte, sondern nur von Thais und Chinesen besucht wurde, darum läge er auch etwas versteckt. Hilfsbereit zeichnete mir Thomas die genaue Lage auf, damit ich „La Costa“ ja nicht verfehle.

Nach meiner Ankunft in Bangkok fuhr ich sofort ins „Oriental“, um dort Heiner, einen Freund aus München, der mir vorausgefahren war, zu treffen. Doch das „Oriental“ war ausgebucht. Ich landete im „Rama Hyatt“, einem dieser vollklimatisierten Hotels in dem Stil, den die Amerikaner so schätzen. Im Lift trifft man dort am Abend und am Morgen dauernd abgespannte, kräftig gebaute amerikanische Geschäftsleute in Begleitung von zierlichen Thai-Mädchen. In der Lobby wird man am späten Nachmittag von hinreißend schönen Hostessen, die raffiniert geschlitzte Sarongs tragen, bedient. Beim Tee-Eingießen gehen sie auf graziöse Weise in die Knie und geben einem alsbald zu verstehen, daß sie von Mitternacht an frei haben. In Thailand, erfuhr ich, muß man zwei oder drei Berufe haben, um durchzukommen ...

Was tut man in Bangkok, wenn man nicht wegen der Massagesalons gekommen ist? Man besucht die „Schwimmenden Märkte“, besichtigt den Königlichen Palast und den Tempelbezirk, wo uns unser Führer mit Fragen nach den Herren „Meckenbauer“, Müller und Grabovsky löcherte, und unternimmt gewiß auch eine der sich lohnenden Klonk-Fahrten – schon darum, weil die Klonks nach und nach ein Opfer der Sanierungspläne werden und darum zugeschüttet werden. Man kann auch stundenlang die Slums durchwandern, wo man kaum je einen Weißen trifft und sich leicht verirrt, schon weil man die Straßenschilder nicht lesen kann. Und man wundert sich auf Schritt und Tritt über die Schönheit der Menschen in diesem Land, vor allem der Frauen.

Von denen schwärmten wir – aber ein Thema mieden wir geflissentlich: Massagesalons: Heiner und ich ahnten wohl: Daran vorbei kamen wir nicht. Am vorletzten Abend, im Shangri-la, einem der vorzüglichen chinesischen Restaurants von Bangkok – als Dessert gibt es einen Kuchen aus süßen Bohnen – war es soweit: Also, was nun – Massagesalon oder nicht Massagesalon? Einerseits ist das mehr was für Kegelklubs aus der Oberpfalz. Andererseits gehören Massagesalons zu den Phänomenen unserer Zeit, die man nicht einfach ignorieren kann. Auch lernt man durch sie vielleicht Asien besser verstehen. Mit anderen Worten: Man kann sich die Sache ja mal ansehen! Was ist schon dabei?