Von Hans Kepper

Sich bilden zu wollen, ist heutzutage in der Bundesrepublik ein mit Fährnissen verbundenes Unternehmen. Wie schwer es für viele Studenten war und immer noch sein kann, die von außen gesetzten Bedingungen ihres Studiums zu kalkulieren, offenbaren das von aller Welt so genannte Parkstudium und dessen vor kurzem beschlossene Abschaffung. Das Parkstudium ließ bisher jedem Bewerber, dem die Abiturnoten den sofortigen Zugang zu dem erstrebten Fach versperrten, die Möglichkeit, in einem anderen, benachbarten, aber leichter zugänglichen Fach die ihm vom Numerus clausus zudiktierte Wartezeit abzusitzen – ein Psychologe zum Beispiel „parkte“ erst einmal als Pädagoge. Dieser Zeitvertreib ist nun vorbei, denn die Wartezeiten werden nicht mehr angerechnet.

Das Ende dieses legalen Umwegs zum gewünschten Studienfach ist in zwei unscheinbaren Sätzen formuliert. Sie stehen in dem im vergangenen Dezember verabschiedeten Hochschulrahmengesetz (HRG) und wurden von den meisten Betroffenen erst mehrere Wochen später bemerkt und begriffen. In Paragraph 32 des HRG heißt es: „Zeiten eines Studiums an einer Hochschule werden auf die Wartezeit nicht angerechnet; dies gilt erstmals für Studienzeiten nach Inkrafttreten des Gesetzes.“ Verschärft wird diese Maßnahme von einer Bestimmung des Haushaltsstrukturgesetzes, mit dem der Bund seit vergangenem Herbst zu sparen hofft. Danach verliert der Student, der nach dem zweiten Semester sein Studienfach wechselt, bestimmte Vorteile des Bundesausbildungsförderungsgesetzes (BAFöG).

Die Härte dieser Maßnahmen liegt – von den Studenten aus gesehen – gar nicht in der Sache selber, sondern vor allem in ihrem Zeitpunkt. Die Abschaffung des Parkstudiums wird zwar erst zum Wintersemester1977/78 wirksam, dann aber rückwirkend zum Sommersemester 1976. In der Praxis heißt das: Wer hoffte, sich bis zum Wintersemester 1977/78 doch noch einen Platz in seiner bevorzugten Disziplin zu erwarten, kann zwar weiter in seinem derzeitigen Fach parken; doch wenn er bis dahin nicht zugelassen wurde, hat er Pech gehabt: dann ist der Weg in sein Wunschfach praktisch versperrt.

Ähnlich knapp ist die Frist für den BAFöG-Geldentzug beim Studienplatzwechsel nach dem zweiten Semester. Gegen den Vorschlag der Bundesregierung entschied der Vermittlungsausschuß von Bundestag und Bundesrat, die Bestimmung schon zum 31. März 1976 wirksam werden zu lassen. Die Bundesregierung hatte für den 30. September 1976 plädiert, was den Studenten immerhin einige Zeit zum Nachdenken und zur Orientierung gebracht hätte. Peter Glotz, der Parlamentarische Staatssekretär im Bundesministerium für Bildung und Wissenschaft (BMBW), ist zur Änderung bereit, weist aber darauf hin, daß jetzt ein Bundesland den Anstoß geben müßte.

Die einschneidendere Maßnahme freilich ist das Ende des Parkstudiums. Wie viele Studenten genau davon betroffen sind, ist nicht bekannt. Wohl aber verfügt der Leiter der Hochschulabteilung im BMBW, Eberhard Boening, über „Anhaltspunkte für verantwortbare Schätzungen“. Nach seiner Rechnung warten ungefähr 75 000 Studenten auf ihr Neigungsfach. Ausgangspunkt dieser Berechnung ist die Tatsache, daß im Wintersemester 1975/76 in den fünf harten Numerusclausus-Fächern (Medizin, Zahnmedizin, Tiermedizin, Psychologie und Pharmazie) 38 000 Bewerber abgewiesen wurden. Da sich aber nicht jeder Wartende bei jedem Zulassungstermin erneut meldet, kann man, so das Ministerium, die Zahl von 38 000 unter Berücksichtigung früherer Ablehnungszahlen rund verdoppeln.

Stimmt die Gesamtzahl auch nur annähernd – und niemand hat sie bisher bezweifelt – so erweist sich das Parkstudium als ein unhaltbarer Zustand. Anders gesagt: Parkstudenten bevölkern in der angespannten Lage des Hochschulmarktes dreieinhalb Universitäten von der Größe der Bonner alma mater. Da nimmt es nicht wunder, daß sich über die Notwendigkeit, das Parkstudium abzuschaffen, alle einig sind – politische Parteien und Bundesländer ebenso wie Universitäten. Protest regt sich allein gegen die zeitlichen Bestimmungen der Abschaffung. Erstaunlich ist allerdings, daß der CDU-Kultusminister Wilhelm Hahn aus Baden-Württemberg nachträglich Bedenken anmeldet. Es scheint so, als halte es die CDU/CSU im Jahre der Bundestagswahl für ratsam, ihr Herz für die Studenten zu entdecken.