Von Jürgen Werner

Für Bayern München, Eintracht Frankfurt und den HSV geht das Millionenspiel weiter. Borussia Mönchengladbach schied gegen Real Madrid aus, ohne ein Spiel verloren zu haben. Zwei Aspekte scheinen mir bei der Analyse der Viertelfinalspiele besonders augenfällig zu sein. Der erste: acht der zwölf Mannschaften, die das Halbfinale der drei europäischen Fußballwettbewerbe erreichten, hatten das Hinspiel beim Gegner bestritten und im Rückspiel vor eigenem Publikum die Entscheidung zu ihren Gunsten erreicht. Zwei Gründe mögen dafür ausschlaggebend sein: die genaue Kalkulation des Ergebnisses, das erzielt werden muß, läßt eine genauere taktische Marschroute vorherplanen und die stimulierende Wirkung andauernder Anfeuerungschöre – die Zuschauer rechnen genau mit und sind zu jedem Zeitpunkt an der Verfolgungsjagd beteiligt – beflügelt die Spieler der eigenen Mannschaft, so wie sie die gegnerischen hemmt und einschüchtert.

Das Gefühl, vom Vertrauen der Menschen – zehntausendfach artikuliert – getragen zu sein, macht Kräfte frei, die später nicht zu erklären sind – Euphorie des Spitzensports. Das Selbstbewußtsein der Spieler des Gastgebers, das in beiden Fernsehübertragungen deutlich wurde, gab schließlich den Ausschlag. Wann hat Berti Vogts jemals so viel Mühe gehabt wie in Madrid gegen den 36jährigen Amancio, wann taten die Stürmer – als Deutschlands beste gelobt – so wenig zur Entlastung der eigenen Deckungsspieler, indem sie vorn den Ball länger in den eigenen Reihen hielten, wie gerade in Madrid? Wann spielten dagegen die jungen Spieler bei Bayern München, Horsmann, Dürnberger und Rummenigge, in letzter Zeit so erfolgreich wie gerade bei diesem Spiel. Von den Strategen Maier, Beckenbauer und Müller einmal ganz abgesehen.

Auch die weitaus größere Zahl der gelben Karten, das heißt Verwarnungen durch den Schiedsrichter für die Spieler der Gastmannschaft – ebenfalls in Madrid deutlich zu erkennen – ist ein weiteres Indiz für die psychologische Beeinflussung durch die Atmosphäre – die Angst des Schiedsrichters vor den Pfiffen. Spieler wie Schiedsrichter bagatellisieren diese Einflüsse, doch sie sind Realität. Wer jemals vor großen Spielen in der Kabine saß, die Schiedsrichter auf dem Gang davor traf und dann gemeinsam auf die Fußballbühne ging, weiß, wie alle unter dem Druck und der Anspannung leiden. Konkret: Die beiden in Madrid durch Borussia Mönchengladbach erzielten und dann annullierten Tore bilden ein weiteres Indiz für die These, daß im Zweifelsfall eher für den Gastgeber entschieden wird.

Zur Sache: Die Abseitsentscheidung vor dem ersten Tor war eindeutig korrekt, die zweite – die umstrittenere – zumindest formal eindeutig: Die Regel besagt, daß der Linienrichter durch das Heben seiner Fahne – und das tat Herr Hoppenbrouwer offensichtlich – dem Schiedsrichter auch bei schon getroffenen Entscheidungen anzeigen – nicht eingreifen – soll, ob und welchen Regelverstoß er bemerkt hat. Danach kann der Schiedsrichter seine Entscheidung revidieren, er muß es nicht. Die sooft gelobte und sinnvoll praktizierte Zusammenarbeit geriete ja zur Farce, wäre der Linienrichter nur zum Registrieren der Bälle da, die die Seitenlinie überschreiten.

Das eigentliche Problem liegt jedoch vor allem in der physischen und psychischen Belastung aller Beteiligten, die nicht konzedieren wollen, daß finanziell und sportlich so folgenreiche Entscheidungen in einer – subjektiv jeweils unterschiedlich zu beurteilenden – prekären Situation unwiderruflich getroffen werden. Die Reaktion der Spieler von Borussia Möngengladbach ist verständlich, zumal sie insgesamt gesehen gut gespielt haben, jedoch für ein solches Spiel unter den erwähnten Prämissen nicht gut genug.

Der zweite Aspekt ist die augenfällige Ähnlichkeit in der Spielweise der europäischen Spitzenmannschaften: Der Ball wird möglichst lange in den eigenen Reihen gehalten, die massierte Verteidigung des eigenen Tores durch zurückgezogene Stürmer betont, während höchstens zwei schnelle Spieler vorn ständig auf der Lauer liegen – Renner vom Dienst. Der Unterschied, der schließlich zum Erfolg führt, liegt nicht mehr im System, sondern in der Fähigkeit der Mannschaften, dieses Schema – alle hinten im Verteidigungsfall, möglichst schnelle Verlagerung des Balles und vieler Spieler beim Angriff nach vorn – 90 Minuten lang durchzustehen.

Dabei helfen die eigene Technik, den Ball unter Kontrolle zu behalten, und das hohe Tempo, das man anschlagen kann, den Gegner zu zermürben. Am Ende zählt die Summe aller Einzelleistungen. In Madrid wurde Danner, der Gegenspieler Netzers ausgewechselt – zu Recht, wie mir schien. Der „alte Mann“ hatte den jungen! erledigt – exemplarisch für den Gesamtverlauf. In München waren die Lissaboner am Ende müde und am Ende ihrer Kraft. Die Halbfinalspiele werden die aufgezeigten Aspekte noch deutlicher werden lassen. Es wird Kampf und Kunst für Kenner geben.