Daß die Deutschen sich heute in einer besseren Lage befinden als viele ihrer Nachbarn, erklärt sich aus dem Konsensus eines ganzen Volkes bei dem Versuch, aus der Krise herauszukommen.“ Zu diesem Ergebnis kommt der Pariser „Figaro“ in einer gründlichen Analyse der wirtschaftlichen und sozialen Lage in der Bundesrepublik – und trifft damit den Nagel auf den Kopf.

Die verzweifelte Lage, in der sich Italien heute befindet, ist umgekehrt die Folge davon, daß südlich der Alpen dieser Konsensus immer mehr verlorengegangen ist und einem selbstzerstörerischen Kampf der Gruppen und Grüppchen Platz gemacht hat, bei dem es letztlich nur Verlierer gibt.

In England ist es Wilson immerhin gelungen, den Gewerkschaften angesichts der wachsenden Arbeitslosigkeit und der galoppierenden Inflation eine gewisse Mäßigung abzuhandeln. Frankreichs Staatspräsident Giscard dagegen ist bisher bei dem Versuch gescheitert, sich zum Schiedsrichter zwischen den verfeindeten sozialen Gruppen zu machen.

Zwar sparen auch in der Bundesrepublik die Vertreter der Arbeitgeber und der Arbeitnehmer während der Tarifverhandlungen nicht mit starken Worten – aber das ist alles nicht so gemeint. Die Gewerkschaften drohen und schimpfen, die Vertreter der Arbeitgeber jammern und klagen, weil beide genau wissen, daß ihre jeweilige Klientel es so hören will. Im Grunde wissen beide Seiten ganz genau, was bei den Lohnverhandlungen dieses Jahres drin ist.

Die meisten Abschlüsse hätten auch ohne den ganzen Theaterdonner über die Bühne gehen können. Der Punkt, an dem man sich treffen würde, stand schon seit langem fest. Da beiden Seiten weder an sozialer Unruhe noch daran gelegen ist, den erhofften Aufschwung abzuwürgen, müssen sich die Lohnerhöhungen um fünf Prozent (plus Garnitur) bewegen. Doch wenn sich die Parteien diesem Punkt zu rasch nähern, können sie in ihrem jeweiligen Lager nur schwer glaubhaft machen, daß sie am Verhandlungstisch alles herausgeholt haben, was erreichbar war.

Allerdings sollten sie sich hüten, dieses Spiel zu weit zu treiben. Wenn der Chef der IG Metall, Eugen Loderer, im Eifer des Gefechts den Unternehmern vorwirft, sie setzten „eiskalt auf die Gesetze des Profits und sonst nichts“, dann überzieht er seine Argumente ebenso wie jene Unternehmer, die bei jeder sozialen oder gesellschaftspolitischen Reform den Untergang des Abendlandes beschwören.

Die Arbeitgeber betreiben ein gefährliches Spiel, wenn sie während der Tarifverhandlungen finstersten Pessimismus verbreiten, nach ihrem Abschluß aber plötzlich die Zukunft in rosigen Farben malen – etwa um die Aktionäre bei der Stange zu halten. Und Gewerkschafter, die behaupten, bei den Lohnverhandlungen, sei alles herausgeholt worden, machen sich selber unglaubwürdig, wenn sie im gleichen Atemzug ohne Rücksicht auf die Realitäten Preistreiberei und gewaltige Profite der Unternehmen anprangern. Daß viele Arbeitnehmer daraufhin in Versuchung geraten, sich auf eigene Faust ihren Anteil daran zu erstreiken, darf dann niemanden wundern.

Wer so schrille Töne anschlägt, der gefährdet den Konsensus, in dem der „Figaro“ das Geheimnis des deutschen Erfolges sieht. Weder im Tarifnoch im Wahlkampf darf Porzellan zerschlagen werden, das unersetzlich ist. Michael Jungblut