Von Heidi Dürr

Auf kaum einer anderen Buchmesse der Welt wird Atmosphärisches so sorgfältig registriert wie in Leipzig. Nicht nur für den Besucher aus der Bundesrepublik ist diese Bücherschau, die in jedem Frühjahr parallel zur großen Industriemesse veranstaltet wird, vor allem eine Art Wetterstation, in der es gilt, Großwetterlagen von randseitigen Tiefs und Hochs zu unterscheiden.

In der vergangenen Woche schien die Großwetterlage schlecht, zumindest für das Klima zwischen den beiden deutschen Staaten. Aktionen in Ostberlin und Reaktionen in Leipzig sorgten für die bekannten Schlagzeilen und die Befürchtung, das alles könne sich unmittelbar auswirken auf offizielle und inoffizielle Buchmessen-Kontakte.

Die traditionelle Montags-Pressekonferenz des Börsenvereins der deutschen Buchhändler zu Leipzig, die im Gegensatz zur größeren Industriemessen-Pressekonferenz nicht abgesagt wurde, schien den Verdacht zu bestätigen. Nach den obligaten programmatischen Ausführungen über sozialistische Kultur und sachlichen Angaben über Buchproduktion und Buchvertrieb in der DDR war wieder einmal von westlicher Hetze und Lügenkampagnen, von Lizenzverweigerung und „einem gewissen Kolonisatorengehabe auf geistigem Gebiet“ die Rede. Zum Schluß schließlich gab Jürgen Gruner, der Leiter des Verlags Volk und Welt, eine emotional-dümmliche Polemik gegen die bürgerliche Literatur zum besten, die sogar von einigen seiner Kollegen mit Kopfschütteln begleitet wurde.

Doch dann kam alles anders. Die Atmosphäre auf der Buchmesse erwies sich als ebenso entspannt-sachlich wie in den vergangenen Jahren seit 1972. Zwei objektive Indizien: Der alljährliche Empfang des Leipziger Börsenvereins konnte auch diesmal zu innerdeutschen Gesprächen genutzt werden. Umgekehrt folgten einen Tag später mehrere prominente Vertreter des DDR-Buchhandels, darunter Börsenvereinsvorsteher Siegfried Hoffmann und einige Verlagsleiter, der zum erstenmal ausgesprochenen Einladung der Ständigen Vertretung der Bundesrepublik Deutschland zu einem Buchmessen-Empfang.

Daß es dennoch buchhandelsspezifische Kontroversen gab, wird wohl niemanden verwundern. Die DDR-Vertreter beklagten in diesem Jahr besonders heftig die ständig wachsende Diskrepanz im Buchgeschäft zwischen Bundesrepublik und DDR. Nach offiziellen Angaben kaufte die DDR im vergangenen Jahr 282 Buch-Lizenzen in der Bundesrepublik, konnte jedoch nur 124 Lizenzen exportieren. Diese vom stellvertretenden Kulturminister Klaus Höpcke als „Kolonisatorengehabe“ apostrophierte – Relation stimmt allerdings nicht ganz. In den Zahlen sind nämlich jene Bücher nicht enthalten, die von bundesrepublikanischen Verlagen bei DDR-Unternehmen gekauft und dort gleich mitgedruckt werden, Solche Verträge, die in west-östlicher Richtung kaum, umgekehrt jedoch immer noch in nicht geringer Zahl ausgehandelt werden, gelten in der DDR nicht als eine Mischung aus Lizenzverkauf und Druckvertrag, sondern als Warenlieferung. Als solche werden sie in der Lizenz-Bilanz nicht aufgeführt – übrigens gegen den Willen des Ostberliner Büros für Urheberrecht.

Kein Kolonisatorengehabe