Karl Ziegler ist ein überaus umgänglicher Mensch. Groll scheint ihm fremd zu sein, und daß der Bund Deutscher Radfahrer (BDR) ihn vor einigen Jahren nicht gerade gentleman-like behandelt hat, ist vergessen. Jedenfalls war der Routinier aus Mannheim sogleich wieder bereit, das Amt des Cheftrainers der bundesdeutschen Radrennelite zu übernehmen, als Rudi Altig zurücktrat. Das Pikante an der Situation: Nachfolger Zielger war auch Vorgänger des viermaligen Weltmeisters. „Mit brennendem Herzen“, sagt er heute, gehe er an seine neue Aufgabe heran, die für ihn eine altbekannte ist. Seine einzige Sorge: „Hoffentlich meint der Rudi nicht, ich hätte jemals an seinem Stuhl gesägt.“

Das Verhältnis Ziegler–Altig ist nämlich nicht ungetrübt gewesen. Der blonde Hüne, von Ziegler seinerzeit entdeckt, gefördert und trainiert, ging früh schon eigene Wege. Die Erfolge, die er sammelte, verschafften ihm national und international solch großes Renommee, daß am Ende der Karriere Sporthelfer Neckermann lauthals Altigs Einsatz als Bundestrainer forderte: Wenn einer den lendenlahmen Straßenrennsport in unseren Landen bis zu den Münchner Spielen überhaupt noch in Schwung zu bringen in der Lage sei, dann nur jener Rudi Altig. Mit diesem Argument schwatzten der Reitexperte aus Frankfurt und einflußreiche Journalisten dem BDR im Jahre 1971 den neuen Trainer auf. Karl Ziegler, zuvor zwei Jahre lang in Amt und Würden, doch nicht mit spektakulären Siegen gesegnet, wurde gleichsam zum Assistenten seines ehemaligen Schülers degradiert. Doch auf des Wunderheilers Mittel sprachen jene, denen er helfen sollte, trotz aller Bemühungen nicht an. Altig warf das Handtuch. Der Vorgänger übernahm wieder den Chefsessel.

Daß er vier Jahre lang im zweiten Glied gestanden hatte, ficht Karl Ziegler nicht an, denn auf dem Gebiet, das man ihm damals gelassen hatte, sorgten seine Schützlinge plötzlich für Schlagzeilen: Im Querfeldeinrennen. Klaus-Peter Thaler wurde zweimal Weltmeister, zweimal Zweiter, und auch Ekkehard Teichreber und Dieter Uebing erkämpften je einmal Silber. Solche Ruhmestaten vermittelten dem Trainer jenes Maß an Befriedigung, das dem Kollegen Altig während der vierjährigen Tätigkeit nicht beschieden war.

Zieglers Konzept für die kommende Saison der Straßenfahrer ist jedenfalls fertig. Die erste Maßnahme: Die Auserwählten sollten sich während des Winters in zahlreichen Querfeldein-Vettbewerben stählen. Damit wollte der kleine Coach die Vorbereitung auf den ereignisreichen Sommer intensivieren. Vier Monate vor den Olympischen Spielen vertritt Karl Ziegler nämlich ein Amt. das ihm leicht einen Haufen Kritik, aber um so weniger Lob einbringen kann. Denn der Abstand der bundesdeutschen Radler zur Weltspitze ist noch ziemlich g-oß, und an Medaillen in Montreal wagt kaum einer zu denken. In des neuen Cheftrainers Kader ist auch wieder ein Platz für Altigs Intimfeind Jürgen Kraft gefunden, einen sehr selbstbewußten, kritischen und nicht leicht zu führenden Studenten aus Berlin.

War nämlich Zieglers Vorgänger als Egozentriker bekannt, so sucht der neue Vor-Fahrer gedeihliches Teamwork eher durch Konzilianz denn durch scharfe Kommandotöne zu erreichen. Die Erkenntnis, damit leichter zu Erfolgen zu kommen, hat er im Verlauf seines 55jährigen Lebens gewonnen: „Ich bin, sicher nicht klug, aber mit dem Alter wird man weise.“

Bernd Dassel