Von René Drommert

Was hat es eigentlich, fragt man sich als deutscher Reisender in Jugoslawien, noch auf sich mit den moralischen Fanfarenstößen, die die Französische Revolution erschallen ließ? Mit Fanfarenstößen, die doch jedes sozialistische Land von vornherein gutheißt und, um im Bilde zu bleiben, wenigstens auf „Schallplatten“ konserviert? Es hieß doch damals, als eine Anweisung an die kämpfende Truppe (und von Georg Büchner übernommen): „Friede den Hütten, Krieg den Palästen“? Gilt das nicht mehr? Ausgerechnet in Titos blockfreier und trutziger Föderativer Volksrepublik nicht mehr?

Die Moral ist gewiß nicht vom Tisch gefegt. Aber es gibt leichte Einbrüche und Lücken. An vielen Orten der adriatischen Küste zum Beispiel, dieses Akkumulationsgebiets zauberhafter landschaftlicher Schönheiten, ist die Entwicklung fast gegenläufig. Den Hütten, den Fischerhütten nämlich, wird nicht gerade der Krieg erklärt, das nicht; aber sie werden ihrem Untergang (man könnte sagen: mitleidslos) überantwortet. Sie verschwinden, sie werden geopfert, ja ganze Fischerdörfer werden „ausradiert“ – natürlich nicht böswillig, natürlich nicht von einzelnen Personen, Gruppen, Klassen. Hier ist einfach das am Werk, was man mit einem scheinbar wertneutralen Ausdruck „historische Entwicklung“ nennt. Die Siedlungen, ursprünglich Zeugen knorrigen organischen Wachstums, gehen an Entkräftung ein. Die Söhne der Fischer laufen zur Industrie der Städte über oder wandern, welch müde Abart alten Seefahrertums, ins Ausland aus. An den entseelten Orten, wo einst Volk und Folklore blühten, macht sich, man wird an den robusten gesellschaftlichen Umschichtungsprozeß in Tschechows wundervollem „Kirschgarten“ erinnert, ein neuer, recht vitaler Menschentyp breit: der Tourist. Er bringt eine andere Mentalität, anderen Geschmack, andere Forderungen mit, denen Rechnung getragen wird, denn er hat Geld: Sechs Prozent der jugoslawischen Volkswirtschaft gehören dem Tourismus.

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Auch der zweite Teil der Revolutionsparole wird in der Praxis vielfach auf den Kopf gestellt. Man bringt den Palästen nicht Krieg, sondern Frieden entgegen, Wohlwollen, staatliche Förderung. „Paläste“ sind hier allerdings nicht gerade dauerhafte fürstliche Wohnsitze mehr, aber immerhin eine Art moderner Spielform, die vorübergehend okkupierten Wohnräume einer wenigstens zeitweilig privilegierten Gesellschaft: neue, prunkhafte Hotels, hier und da im „amerikanischen Stil“, mit überdimensionalen Empfangshallen und weitausladenden Treppen vom Parterre zum ersten Stock, in Marmor womöglich. Die amerikanischen Touristen sind quantitativ und qualitativ (das heißt finanziell) von entschiedener Bedeutung. Das Hotel „Libertas“ in Dubrovnik zum Beispiel beherbergt im Durchschnitt zu 50 Prozent Amerikaner, gelegentlich ist das Haus sogar bis zu 90 Prozent mit USA-Touristen belegt. Und diese Gäste üben, im großen gesehen, einen gewissen Terror aus, wenn auch mit „Sammetpfötchen“: Einen spezifischen Komfort und Stil setzen sie nach und nach durch. Die jugoslawischen Manager, gewiß gar nicht unvernünftig auf Expansion des Fremdenverkehrs bedacht, geben nach, sie sind zwar durchaus nicht erpicht auf amerikanisches Gepräge, aber auf Devisen. Wie soll man diese Förderung der „Paläste“ in einem sozialistischen Staat, fast ein Widerspruch in sich selbst, eigentlich nennen? Schlicht und einfach „historische Entwicklung“?

Dennoch: moralische Funktionen sind nicht zu leugnen. Selbst wenn Hoteliers und Reiseagenturen (die ja nicht vom Staat dirigiert werden) gelegentlich Ideale auf der Zunge, aber Dollar, Mark, Franc, Pfund im Sinn (und im Griff) haben, selbst dann hört der Tourismus in Jugoslawien nicht auf, friedlicher Koexistenz zu dienen. In Tučepi, an der charaktervollen und zugleich verführerisch-idyllischen Riviera bei Makarska, finden alljährlich internationale Tourismuskongresse statt. Auf der letzten Zusammenkunft formulierte man es so: „Die Armee der Touristen liefert dem Krieg und dem Militarismus Schlachten.“ Wer wollte da nicht in die Fanfare stoßen – für die Schlachten, ihre Anstifter, Strategen und Taktiker?

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