„Poesie ist Nachricht“, von Gert Kalow. „Poesie ist die Muttersprache des menschlichen Geschlechts“, sagte schon Hamann; diese Annahme, die besonders durch Herder geläufig wurde, erhärtet Gert Kalow durch zahlreiche Belege aus Literatur, Ethnologie und Archäologie zu der These, daß Hochkulturen nicht eine Schrift, sondern eine codefähige Sprache voraussetzen. Das Geschichtsbild der Bibel hat uns daran gehindert, Lascaux oder Altamira als Hochkulturen zu erkennen. Und es muß einen langen Kampf zwischen der „Atemschrift“, dem „vorschriftlichen Massenmedium“ und der Schrift (einem Instrument vor allem der Priesterkaste) gegeben haben („toter Buchstabe“). Wie stark die mündliche Tradition ist, zeigt sich besonders bei erzwungener Schriftlosigkeit: unter Diktaturen blüht der politische Witz (der ja etwas genau Durchformuliertes ist), im Lager hielten sich Solschenizyn – und Kalow – am Leben durch das, was sie auswendig, par cœur, konnten: Gedichte. Vorbildlich sind seine Interpretationen zeitgenössischer Gedichte, denn sie sind mit den Autoren abgestimmt (Celan, Huchel, Heißenbüttel) und verstehen es, aus oft wenigen Zeilen den ganzen Radius an Unter- und Obertönen herauszuarbeiten, ohne etwas hineinzuinterpretieren; auch wird sichtbar, wieviel vorschriftliche Technik, wieviel Widerstandsfähigkeit mündlicher Tradition im Gedicht überdauert. Ein paar Epitheta, ein paar Verbeugungen zuviel vielleicht – dennoch gehört diese Beispielsammlung, wie sich hermetisch scheinende Texte geradezu von selbst öffnen können, in jede Lehrerbibliothek. (Piper Verlag, München, 1975; 213 S., 28,– DM) Georg Jappe

„Ein Zimmer zum Leben“, Roman von SolStein. Der Selbstmord, der ihr lange als einzige Möglichkeit erschienen war, das Leben zu ertragen, fand dann doch nicht statt. Shirley, die Karrierefrau mit den Liebesproblemen, wird ins Normalleben zu zweit zurückgerufen durch den „Lebensschmerz“, wie ihr Psychiater das nennt: „Dieses Denken an den Tod kann durchaus konstruktiv sein.“ Denn allein durch den Gedanken an Selbstmord befreit man sich von allen Problemen, bis die Existenzfrage übrigbleibt. Shirley stirbt nicht an ihrem Schmerz, sie geht als eine andere, als geläuterte Frau aus dem Freitodversuch hervor. Sie, die Erfolgreiche, verzichtet auf den Erfolg und entscheidet sich – für die Liebe. Daß Sol Stein seine Geschichte vom Scheitern am und im Beruf „den berufstätigen Frauen“ widmet, denen seine „grenzenlose Zuneigung“ gilt, macht auf einen Roman aufmerksam, dessen pathetischer Titel „Ein Zimmer zum Leben“ die Lektüre verhindern könnte. Das amerikanische Original „Living Room meint weniger den Begriff „Wohnzimmer“ als vielmehr die Bedeutung „Lebensraum“, was allerdings im Deutschen unbenutzbar geworden ist. Der sichtbare Übersetzungskompromiß im Titel (Gisela Stege) braucht freilich den Blick auf das im Roman ausgebreitete Thema nicht zu verstellen. Das Alternativproblem Liebe oder Leistung ist nicht gerade neu und die Gestaltung der Story nicht sonderlich originell. Das Buch hat dennoch seine Berechtigung, weil es die nicht nur für Amerikanerinnen hochbrisante Frage der „carreer girls“ behandelt. Die Ehelösung ist freilich nur eine und als Empfehlung ebensowenig zu generalisieren wie etwa die Umkehrung, nämlich Hausfrauen mit beruflicher Beschäftigung zwangszubeglücken. Sol Stein versteht etwas von Frauen, von beruflichem Glück und häuslichem Unglück, von Überanstrengung und von Unzufriedenheit. (Aus dem Amerikanischen von Gisela Stege; Droemer Knaur Verlag, München, 1975; 344 S., 29,80 DM.)

Sabine Schultze