Berlin: „Jakob Mattner“

Die Galerie von Thomas Wagner, eine der neuesten in Berlin und vermutlich eine mit Überlebenschance, hat es sich zum Programm gesetzt, vor allem junge, in Berlin lebende Künstler vorzustellen. So präsentiert sie jetzt Jakob Mattner (1946 in Lübeck geboren, Studium an der Hochschule für bildende Künste Berlin bei Gonda) in einer sehr schönen und intelligenten Ausstellung. Mit sparsamen Mitteln inszeniert Mattner visuelle Spiele, Augentäuschung und Irritation. Etwa „Carrara“: In einer Serie von 30 Zeichnungen ist der Name aufs Blatt gedruckt; mit dem Bleistift sind dann in illusionistischer Manier die feinen Äderungen des Marmors eingetragen. Wort und Bild – indem sie sich verdoppeln, bestätigen sie sich gerade nicht. In den Gemälden, die sich auf eine asketische, aber sehr nuancenreiche Grauskala beschränken, betreibt Mattner im Raffinement des trompe-l’oeil ein eigentümliches Vexierspiel mit Licht und Schatten, Positiv- und Negativformen. Sein „Triptychon“ scheint ein verhüllter Altar, und man muß schon sehr genau hinschauen, um zu sehen, daß da kein Vorhang drapiert ist, daß die Leinwand fest auf dem Holz liegt, daß der Faltenwurf des Tuchs gemalt ist. Reziprok ist dafür ein andermal die Leinwand realiter zum Vorhang gerafft, jedoch naturgetreu und sorgfältig als Marmorinkrustation bemalt, auch ein Spiel mit dem üppigen Illusionismus der Gegenreformation. Am schönsten ist die Reihe der „Akte“ (von denen einige bereits in Recklinghausen beim „Akt 75“ zu sehen waren). Wieder kommt das Tuch ins Bild, und das in ironischer Umkehrung des Themas. Nicht der nackte Körper ist dargestellt, sondern – mit täuschender Genauigkeit – seine Umrisse unter den Fältelungen eines übergeworfenen Stoffes. Der Akt enthüllt sich, indem er sich verhüllt. (Galerie Thomas Wagner bis zum 10. April) Katrin Sello

München: Topor: „Tagträume“

In Topors Zeichnungen begegnet man Personen aus dem „Struwwelpeter“ und Märchenfiguren, die allerdings kaum mehr wiederzuerkennen sind: auf dem Körper des zum Strich abgemagerten Suppenkaspars sitzt ein Totenkopf in Form eines Fußes, und die Geschichte vom Aschenbrödel, wie Topor sie nacherzählt, ist nicht von den Brüdern Grimm geschrieben worden, sondern von Sigmund Freud. Wirklichkeit und Märchen nehmen bei Topor immer die schlimmstmögliche Wendung – der Kopf der fleißigen Putzfrau verwächst beim Treppenreinigen mit einer Stufe, die abweisende Geliebte stößt dem verdutzten Verehrer ihren zum Florett verlängerten Schuhabsatz durch die Stirn, Hans im Glück kickt in ausgelassener Zerstörungswut die ganze Welt in die Luft. Um jede Ecke lauert die Katastrophe, die Welt, kenntlich als eine verkehrte, ist eine einzige Bedrohung, das Leben eine Kette von (meist peinlichen) Überraschungen – diese schlimmste aller Welten, in der Aggression, Haß und blinder Zufall herrschen (Liebe ereignet sich lediglich in ihren pathologischen Abarten), schildert Topor in den freundlichsten Farben. Er bietet seine ganze zeichnerische Virtuosität auf, das Entsetzen harmlos zu verpacken. Die Blätter sind, auf den ersten Blick, eine Augenweide, der schöne Schein ist der Köder, mit dem er den Betrachter in die Falle lockt, ihn zum Gefangenen seiner alptraumhaften Phantasien macht. Er folgt Topors Alice, einer nackt auf dem Weißen Hasen reitenden Lolita, in das faszinierend-makabre Wunderland der schwarzen Romantik. (Galerie Goller und Grill bis Zum 9. April, Katalog 20 Mark)

Helmut Schneider

Wichtige Ausstellungen:

Baden-Baden: „Der Symbolismus in Europa“ (Kunsthalle bis zum 9. Mai, Katalog 25 Mark)